Christliche Verwerfungen I

„Als exemplarisch für den Einfluss des multikulturellen Konzepts auf politische Prominente unabhängig von konkreten Karriereinteressen kann eine Rede von Bill Clinton gelten, die er gegenüber der Studentenschaft der Georgetown University am 7.11.2001 hielt. Der frühere Präsident betonte den in den Vereinigten Staaten für hunderte Jahre existierenden Terror, und wie die Nation nun den Preis für ihr Zutun zur Sklaverei und für das Wegschauen während der Vertreibung und Tötung einer beträchtlichen Anzahl an amerikanischen Ureinwohnern bezahle. ‚Hier in den Vereinigten Staaten erschufen wir eine Nation, die auf der Sklaverei gründete, und jene Sklaven wurden regelmäßig trotz ihrer Unschuld ermordet.‘ Mehr noch: ‚Während des ersten Kreuzzuges, als christliche Söldner Jerusalem eroberten, brannten sie zuerst eine Synagoge mit 300 in ihr befindlichen Juden nieder und fuhren fort, jede Frau und jedes Kind auf dem Tempelberg zu töten, das muslimischen Glaubens war. Ich kann Ihnen versichern, dass diese Geschichte noch heute im Nahen Osten erzählt wird und wir immer noch für sie bezahlen.‘
[…]
Relevant für unsere Untersuchungen sind hier nicht die Fehler und Auslassungen, die in Clinton´s Ausführungen enthalten waren, sondern die Tatsache, dass er sie vor mehr als 1000 Studenten der Georgetown University nur wenige Wochen nach dem Angriff von muslimischen Terroristen auf Amerikaner und amerikanische Regierungseinrichtungen tätigte. Am 8. November nutzte er die Gelegenheit seiner Georgetown-Aufenthalts, angebliche Fehlgriffe von westlichen Christen aufzulisten, inklusive jene, die gegen Muslime gerichtet worden waren. Eine Aktion wie diese konnte seiner Karriere in der Öffentlichkeit auf keine Weise dienlich sein und war wahrscheinlich für viele seiner Berater unangemessen. Es lässt sich schwer bestreiten, dass Clinton Überzeugungen ausdrückte, die für ihn selbst als richtiger Ausdruck seiner guten Absichten gelten konnten. Wichtiger als die Stichhaltigkeit dieser Aussagen oder das Verfolgen seiner Berufsinteressen schien es ihm, die Sünden der amerikanischen Gesellschaft hervorzuheben, der er als Mitglied der Nation natürlich selbst angehörte.
Diese Gesten als „billigen Akt der Gnade“ oder Effekthascherei abzutun, wie einige konservative Christen es versuchten, würde die religiöse Funktion übersehen, die sie inne haben. Die öffentliche Aktualisierung einer liberalen protestantischen Theologie der sündenhaften Gesellschaft reflektiert jenen transformierten Calvinismus, der heute das amerikanische konfessionelle Leben und seine Zivilkultur beseelt. Um das Schuldeingeständnis als einen moralischen Akt und also als ernsthaft zu charakterisieren, muss es keine hieb- und stichfeste Dokumentation oder schmerzhafte individuelle Akte der Buße aufweisen.
Die Bedeutung der Beichte liegt im Akt selbst verborgen, der ausgeführt wird. Er kennzeichnet die Reinheit des Herzens, die in einer Kultur der Opfer die Erleuchteten und Erlösten auszeichnet. Auf Grundlage von Überlegungen wie dieser können keine wesentlichen Trennlinien zwischen der ‚Mitschuld‘ am Holocaust der Nazis und dem Leben in einer Nation gezogen werden, die vieles, aber nicht alles tat, um spätere Naziopfer zu retten. Die Vereinigten Staaten standen in Opposition zum deutschen Nazismus und nahmen zumindest einige Flüchtlinge auf, die der Nazi-Tyrannei entflohen, inklusive Mitgliedern meiner eigenen Familie. Obwohl sie natürlich mehr hätten tun können, sieht die Akte der Vereinigten Staaten in dieser Hinsicht in der Tat sehr gut aus, besonders im Vergleich zu den beschämend geringen Anstrengungen, die von der amerikanischen Regierung unternommen wurden, um die Opfer von Stalin zu retten, was liberale Christen ihrem Land erstaunlicherweise nie zum Vorwurf machen.“

Sinngemäß aus: Multiculturalism and the Politics of Guilt, Paul Gottfried
Übertragung aus dem Englischen von Zam

Wird fortgesetzt…

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