Monatsarchiv: Juni 2012

Blick über die Grenze

Immer wieder interessant, Bedrohungsszenarien aus anderen Blickwinkeln zu sehen.

Der tschechische Teenager 2012

Eine einmalige Studie enthüllt die beunruhigenden Einstellungen von Mittelschülern

Die Neuigkeiten, die Respekt exklusiv zur Verfügung hat, sind mehr als interessant. Es bestätigt sich, dass die in der Demokratie aufgewachsenen Tschechen sich von ihren Eltern, die ihre Jugend im totalitären Staat durchlebten, weniger unterscheiden, als es scheinen könnte. Die größte Überraschung aber zeigt sich darin, dass sich junge Menschen langsam, aber sicher zu radikalisieren beginnen. Dies gilt sowohl für die Beziehungen zu Minderheiten (vor allem zu den hiesigen Roma) als auch für die Wahlpräferenzen. Hier zeigt sich eine Botschaft, dass sich durch den Verlust der Unschuld die gesellschaftliche Landkarte Tschechiens grundlegend ändern könnte.
[…]
Was also halten die jungen Tschechen [das Auswahlmuster hat eine Größe von mehreren Hunderttausend und wurde an Mittelschulen im ganzen Land ermittelt] für die größten Probleme? Auf der internationalen Szene (hier unterscheiden sie sich beispielsweise nicht von jungen Westeuropäern) beschäftigen sie vor allem bewaffnete Konflikte. Auf dem zweiten und dritten Platz folgen Krankheiten/Seuchen und der internationale Terrorismus. Im Gegensatz zum Jahr 2009 sinkt die Anzahl jener deutlich, die die globale Erwärmung für einen Risikofaktor halten. Hier kam es zu einem Abfall um mehr als die Hälfte.
Das größte Problem auf der Ebene von Tschechien selbst erblicken die jungen Tschechen im Zusammenleben mit der Minderheit der Roma. Der Trend ist eindeutig: Während im Jahr 2009 etwa 40 Prozent der Mittelschüler das Zusammenleben mit den Roma als größtes Problem dieses Landes angaben, sind dies nun um 15 Prozent mehr. Interessant ist, dass diese Ansicht nicht so sehr unter Lehrlingen [50%] Anklang findet, sondern unter Gymnasiasten [59%].
[…]
Die Hauptursachen für das problematische Zusammenleben sehen die Mittelschüler in der „Unwillen der Roma zu arbeiten“, im „Rassismus von Seiten der Roma“ und der „niedrigen Bildung der Roma, hervorgehend aus dem Verweigern von Bildung“. Was also beeinflusst nun vor allem ihre Haltung?
Die Antwort auf diese Schlüsselfrage lässt sich aus weiteren Teilen der Studie herauslesen. Aus ihnen geht hervor, dass die Mittelschüler die klassischen Quellen der Information wie Zeitung und Fernsehen zunehmend verlassen und sie im Internet suchen.

Soweit so logisch. Man könnte es auch anders formulieren: Die Neigung gewisser Bevölkerungsgruppen, die Mehrheit so lange auszuplündern, bis sich diese ihres Gruppeninteresses bewusst wird, weil sie genau deswegen, aufgrund ihrer Identität, als Opfer ausgesucht wird, erfährt ab einem bestimmten Punkt Widerstand. Glücklicherweise hat die ratlose Zeitung einen gelangweilten Soziologen zur Hand:

Die Hauptursachen sehen Experten freilich entschieden nicht darin, dass die Mittelschüler systematisch zu Xenophobie und Rassismus inkliniert wären. Neben der stereotypen negativen Wahrnehmung der Roma, die die jungen Tschechen aus ihren Familien übernehmen, bestätigt sich hier vor allem die Verantwortung der Schulen. ‚Sie schafft es nicht, soziale und emotionale Intelligenz bei ihren Schülern zu entwickeln‘, erklärt Ivan Gabal. Die Lehrer unterhalten sich bis auf Ausnahmen nicht mit ihren Schülern über die Wurzeln des sozialen Ausschlusses der Roma und ihre unzureichenden Chancen auf Bildung, was hilft, Vorurteile zu festigen.

Aus der tschechischen Wochenzeitschrift Respekt, Übertragung aus dem Tschechischen von Zam.

Der Staat ist der einzige, der diese Gehirnwäsche freiwillig übernehmen würde. Fragen Sie einen beliebigen jungen Tschechen, was seine wirkliche Meinung über die Roma ist, und sie werden Variationen einer einzigen Ansicht hören: Sie leben, wie es ihrer Natur entspricht.

Advertisements

Eine affektive Schwierigkeit

Falls Sie sich des Öfteren schon einmal gefragt haben, warum Ihnen bei vielen Argumenten – zumeist implizit, denn anders ist die Scham dann doch zu groß – unterstellt wird, durch roten Nebel berauscht zu sein, hierfür gibt es mittlerweile eine längere Tradition: 

Ich will gleich zum Eingang sagen, daß ich nicht eine intellektuelle Schwierigkeit meine, etwas, was die Psychoanalyse für das Verständnis des Empfängers (Hörers oder Lesers) unzugänglich macht, sondern eine affektive Schwierigkeit: etwas, wodurch sich die Psychoanalyse die Gefühle des Empfängers entfremdet, so daß er weniger geneigt wird, ihr Interesse oder Glauben zu schenken. Wie man merkt, kommen beiderlei Schwierigkeiten auf dasselbe hinaus.“

Sigmund Freud, Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse

Sagen Sie also, dass Sie die oben angedeutete Lehre für Schwachsinn und außerhalb jeglicher Empirie halten, so sind Sie selbstverständlich im frühen Alter unterversorgt worden. 

Sagen Sie, dass Sie es erst einmal für Diebstahl halten, wenn Ihnen der Staat auch nur einen Euro nimmt, ohne dass seine Argumente überwältigend sind, dass also die Beweislast nie bei Ihnen liegen darf, wenn Sie diesen Eingriff verweigern, so sind Sie gewiss an Ihre Klasseninteressen gebunden. 

Sagen Sie, dass kein einziger Mensch, niemand, nicht auch nur eine Seele, von außen kommend Ihre Wohnung, Ihr Land betreten sollte, ohne dass Sie ihn dazu aufgefordert haben, so sind Sie der schwerwiegendste Fall von allen, und Entrüstung wird Sie auf Ihren Wegen begleiten. Diese Form des Argumentes ist derart geläufig, dass sogar das Schimpf- und Codewort selbst zum Tabu geworden ist, weil es so obszön ist. Man liest es nicht einmal mehr unter Online-Artikeln der Zeit.

 

 

Sie stehen auf der falschen Seite der Geschichte, bereits jetzt sind Sie mental eine Minderheit. Sie werden verschwinden, und glauben Sie bloß nicht, dass auch nur eine Seite eines Geschichtsbuches für Ihre wahre Geschichte verschwendet werden wird.