Aus 1984

Als Winston im Wahrheitsministerium das Interkom benutzen muss, ist es nötig, das Gerät vorher zu reinigen, vorher den ganzen Dreck zu entfernen. Das Glas im Büro hat diesen langen Sprung, der das Auge irritiert. Es ist wie der Schmutz von unter den Fingernägeln, eine hartnäckige Schicht, die immer und immer entfernt werden will, aber dafür ist natürlich im totalitären Staat keine Kraft, da alles verwendet werden muss, um das Gleichgewicht zu halten. Überall der Substandard, überall diese leise Schäbigkeit, die in den Raum und in alle Dinge kriecht, man ist längst zu müde, sich ihrer anzunehmen. Wir gingen nicht nur durch den Schlamm und das Blut von Millionen, richteten Leichenstapel auf, deren Höhe selbst den Stumpfsinn von Intellektuellen zu einer gestammelten Ausrede zwingen könnte, wir erschossen, zermatschten, folterten, verstümmelten, bedrängten selbst durch Erbsünde ihrer Eltern schuldig gewordene Kinder (das ist der einfache Teil), wir pathologisieren sogar Gedankenabweichungen und verlangen, dass es jeder aufsagt und auch glaubt: „Alle Menschen sind gleich. Alle Kulturen sind gleich. Das Fremde ist nicht real, nur insofern, als es im Geist der Reaktionäre existiert.“, gleichzeitig aber schaffen wir es nicht, den alten Autoreifen neben der Straße zu entfernen, der da liegt und uns die ganze Wahrheit über jeglichen Gleichheitswahn sagt.

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