Zum Rösselsprung

Der Literaturtheoretiker Juri Nikolajewitsch Tynjanow wies in „Über die literarische Evolution“ auf mehrere faszinierende Gegebenheiten in der Entwicklung der Literatur hin: Der Übergang von einer Phase zur nächsten ist kein harmonischer Prozess, er ist sprunghaft, weist Diskontinuitäten und Widersprüchlichkeiten auf, das jüngere Prinzip kommt aus der Peripherie ins Zentrum, das ältere gerät an den Rand, der ästhetische Reiz verliert sich, seine Wirksamkeit schwindet.
Aber! Der Sprung ist immer nur eine Verfremdung hin zu einem Prinzip, das bereits vage bekannt war und nun neu interpretiert wird, sein Vergleich ist hier der einer Familie. Kein Sohn will exakt so werden wie der Vater, keine Generation exakt wie die vorherige, eine solche Kultur wäre auch furchtbar. Vielmehr bedient man sich aus Quellen, die um eine Ebene verschoben sind, also den Ähnlichkeiten, die man im Onkel/Großvater findet. Tynjanow spricht von einer „Kanonisierung der Nebenlinien“. Natürlich hat man sich das nicht buchstäblich vorzustellen, das Beispiel von T. sind etwa die russischen Avantgardisten, die die Volkskunst (der Onkel!) wieder ins Zentrum rücken. Es ist der Rösselsprung eines Schachbretts: Felder nach vorne, aber auch einen zur Seite. Das ist der normale Vorgang.

Was das alles mit unserer Zeit zu tun hat?

Das stinkende Pestsymbol des kubanischen Massenmörders unserer Zeit ist nichts anderes als die Ablehnung eines Vaters, den man überall zu entdecken glaubt, nichts anderes als die Unfähigkeit, das Vertraute nicht als das Konkurrierende wahrzunehmen. Wo man aber früher das Vertraute durch das Verwandte neu schuf, ist heute nur mehr der Abgrund, der Wunsch, endlich alles überstanden zu haben. Die ganzen Pathologien wie ewige Adoleszenz und Anmaßung (man beginnt ja von null weg, also ist alles möglich) sind dann nur mehr Folgeerscheinungen.

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