Georg Simmel über Frauen

Da ich gerade erfahren habe, dass es wohl üblich ist, über Männer zu schreiben, fiel mir etwas ein, was ich vor kurzem gelesen und in der Tat sehr amüsant gefunden habe. Und das ist wohl der Hauptunterschied zwischen den beiden Texten, sie sind beide vielleicht nur einer bedürftigen Wahrheit geschuldet, aber mit Humor ist nur der von Simmel geschrieben, der andere bleibt leblos und abgestanden, er baut nichts auf, dekonstruiert lediglich.

„Ich werde nun auch schwerlich mit der Behauptung weit irren, dass die Mehrzahl der weiblichen Eigenheiten, die man dem psychischen Wesen der Männer gegenüber hervorzuheben pflegt, auf die größere Undifferenzirtheit der Frau zurückgeführt werden können, auf die Tatsache, dass ihre Anlagen, Neigungen, Betätigungen enger um einen Einheitspunkt herum gesammelt und aus ihrem ursprünglichen keimhaften Ineinander noch nicht zu selbständiger Existenz spezialisirt sind. Die Vorstellungen stehen bei ihr noch in jener innigeren gegenseitigen Verbindung, die den Teil sofort das Ganze reproduziren lässt und bei der weniger logische Zusammengehörigkeit, die immer das Resultat einer Auslese unter den Vorstellungen ist, als reales Zusammensein über die gegenseitige Stellung der Vorstellungen im Bewusstsein und über das Maaß entscheiden, in dem sie ihre Kraft in Anziehung und Abstoßung zeigen. Diese Eigenart hängt zunächst mit dem Ueberwiegen des Gefühlslebens bei den Frauen zusammen, über das alle Beobachter einig sind.
[…]
Richtiger glaube ich behaupten zu können, dass allerdings der Wert der Wahrheit als eines für sich bestehenden und von seinen praktische Folgen losgelösten Ideals ihnen schwer einleuchtet; auf die allgemeinen psychologischen Gründe hiervon komme ich weiter unten zu sprechen und erwähne hier in dieser Hinsicht nur, dass die Frauen durch ihre physiologischen Verhältnisse und die Rücksichten, welche sie auf diese nehmen müssen, vielfach gradezu gezwungen sind, irgend welche Lügen zu sagen. Ihre Schätzung der Aufrichtigkeit als solcher muss natürlich darunter leiden, dass sie ihr so oft grade aus der sittlichen Rücksicht des Anstands Abbruch tun müssen. Zudem geht die gesammte weibliche Erziehung unsrer höhern Kreise, in so weit sie auf den Verkehr mit Männern vorbereiten will, im guten Fall dahin, dass die Mädchen sich zu beherrschen lernen, im schlechten, dass sie sich zu verstellen lernen. Der verschärfte Kampf ums´s Dasein, der für sie als Kampf um den Mann auftritt, zwingt ihnen oft die Heuchelei, sowohl als simulation wie als dissimulatio, gradezu auf, wozu noch die oberflächliche Bildung in Wissenschaften und Künsten gehört, die in der Mehrzahl der Fälle sofort bei Seite geschoben werden, sobald der Zweck dieser Ausstattung der Persönlichkeit, die Gewinnung eines Mannes, erreicht ist. Ich hebe hier nur noch als dem Wahrheitsinteresse feindlich die allgemein anerkannte Neigung der Frauen zum Uebertreiben hervor, die nicht ganz leicht zu erklären ist.
Nach dem, was wir von der Ausdrucksweise der Naturvölker hören, scheint das Uebertreiben der primitiveren Geistesverfassung überhaupt eigen zu sein; indertat ist das unverfälschte Aufnehmen und Reproduziren von Eindrücken, das einfache der Sache angemessene Urteilen keineswegs die erste, sondern erst die letzte Stufe intellektueller Ausbildung. Der menschliche Geist scheint eine Neigung ….“

Aus: Georg Simmel, Zur Psychologie der Frauen

Nun, und so weiter.

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