Vorurteile. Ich bitte darum

„Als ich ein junger Lehrer in Cornell war, hatte ich einst mit einem Professor der Psychologie eine Debatte über Erziehung. Er sagte, dass es seine Funktion sei, Vorurteile seiner Studenten loszuwerden. Er schlug sie um wie Kegel. Ich begann mich zu fragen, womit er diese Vorurteile ersetzte. Er schien keine große Ahnung zu haben, was das Gegenteil eines Vorurteils sein könnte. Er erinnerte mich an den kleinen Jungen, der mich mit 4 Jahren mit gewichtigem Ernst darüber informierte, dass es keinen Weihnachtsmann gebe, der wollte, dass ich im brillanten Licht der Wahrheit bade. Wusste dieser Professor, was die Vorurteile für diese Studenten bedeuteten und welchen Effekt es haben würde, sie ihrer zu berauben? Glaubte er, dass es Wahrheiten gibt, die ihr Leben genauso leiten könnten wie diese Vorurteile? Hatte er überlegt, wie den Studenten die Liebe zur Wahrheit mitzugeben war, notwendig für das Suchen vorurteilsfreier Meinungen, oder würde er sie passiv machen, trostlos, gleichgültig, mithin also abhängig von Autoritäten wie ihm? Mein Informant über den Weihnachtsmann gab einfach nur an, bewies mir seine Überlegenheit über mich. Er hatte den Weihnachtsmann nicht erfunden, der da sein musste, um ihn zu widerlegen. Überlegen Sie, wie viel wir vom Glauben an den Weihnachtsmann über die Welt lernen, und wie viel wir über die Seele von jenen lernen, die an ihn glauben. Im Vergleich dazu fördert eine rein methodologische Trennung der Seele von der Vorstellung, die uns Götter und Helden an die Höhlenwand projizieren lässt, Wissen über die Seele nicht; es ist eine Lobotomie, sie schwächt ihre Kräfte.

Vorurteile, starke Vorurteile, sind Visionen über die Art und Weise, wie Dinge sind. Sie sind Prophezeiungen über die Ordnung der Ganzheit der Dinge, deshalb ist der Weg zum Wissen über das Ganze eine Folge von falschen Meinungen über selbiges. Der Irrtum ist in der Tat unser Feind, aber er allein deutet zur Wahrheit hin und verdient also unsere respektvolle Behandlung. Der Geist, der von vornherein keine Vorurteile besitzt, ist leer. Nur Sokrates wusste, nach einem Leben rastloser Arbeit, dass er unwissend war. Heute weiß das jeder Jugendliche. Wie konnte das so einfach werden? Was ist verantwortlich für unseren erstaunlichen Fortschritt? Könnte es sein, dass unsere Erfahrung durch unsere verschiedenen Methoden so verarmt ist, dass nichts Substanzielles mehr übrig ist, das Kritik widerstehen könnte, und dass wir also deshalb keine Welt mehr übrig haben, über die wir nichts wissen könnten? Für das Auge des dogmatischen Skeptikers ist möglicherweise die Natur selbst, mit all ihrem satten Überfluss an Ausdruck, ein Vorurteil. An ihren Platz stellen wir ein graues Netzwerk von kritischen Konzepten, die erfunden wurden, die Phänomene der Natur zu interpretieren, die sie aber stattdessen abwürgten und so ihre eigene Lebensberechtigung zerstörten. Möglicherweise ist es unsere erste Aufgabe, diese Phänomene wiederzubeleben, sodass wir wieder eine Welt haben, an die wir Fragen stellen können und über die wir philosophieren können. Das scheint mir unsere erzieherische Aufgabe zu sein.“

Aus: Allan Bloom, The Closing of the American Mind.

Übersetzung aus dem Englischen durch Zam

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