Monatsarchiv: Februar 2012

Aus 1984

Als Winston im Wahrheitsministerium das Interkom benutzen muss, ist es nötig, das Gerät vorher zu reinigen, vorher den ganzen Dreck zu entfernen. Das Glas im Büro hat diesen langen Sprung, der das Auge irritiert. Es ist wie der Schmutz von unter den Fingernägeln, eine hartnäckige Schicht, die immer und immer entfernt werden will, aber dafür ist natürlich im totalitären Staat keine Kraft, da alles verwendet werden muss, um das Gleichgewicht zu halten. Überall der Substandard, überall diese leise Schäbigkeit, die in den Raum und in alle Dinge kriecht, man ist längst zu müde, sich ihrer anzunehmen. Wir gingen nicht nur durch den Schlamm und das Blut von Millionen, richteten Leichenstapel auf, deren Höhe selbst den Stumpfsinn von Intellektuellen zu einer gestammelten Ausrede zwingen könnte, wir erschossen, zermatschten, folterten, verstümmelten, bedrängten selbst durch Erbsünde ihrer Eltern schuldig gewordene Kinder (das ist der einfache Teil), wir pathologisieren sogar Gedankenabweichungen und verlangen, dass es jeder aufsagt und auch glaubt: „Alle Menschen sind gleich. Alle Kulturen sind gleich. Das Fremde ist nicht real, nur insofern, als es im Geist der Reaktionäre existiert.“, gleichzeitig aber schaffen wir es nicht, den alten Autoreifen neben der Straße zu entfernen, der da liegt und uns die ganze Wahrheit über jeglichen Gleichheitswahn sagt.


Zum Rösselsprung

Der Literaturtheoretiker Juri Nikolajewitsch Tynjanow wies in „Über die literarische Evolution“ auf mehrere faszinierende Gegebenheiten in der Entwicklung der Literatur hin: Der Übergang von einer Phase zur nächsten ist kein harmonischer Prozess, er ist sprunghaft, weist Diskontinuitäten und Widersprüchlichkeiten auf, das jüngere Prinzip kommt aus der Peripherie ins Zentrum, das ältere gerät an den Rand, der ästhetische Reiz verliert sich, seine Wirksamkeit schwindet.
Aber! Der Sprung ist immer nur eine Verfremdung hin zu einem Prinzip, das bereits vage bekannt war und nun neu interpretiert wird, sein Vergleich ist hier der einer Familie. Kein Sohn will exakt so werden wie der Vater, keine Generation exakt wie die vorherige, eine solche Kultur wäre auch furchtbar. Vielmehr bedient man sich aus Quellen, die um eine Ebene verschoben sind, also den Ähnlichkeiten, die man im Onkel/Großvater findet. Tynjanow spricht von einer „Kanonisierung der Nebenlinien“. Natürlich hat man sich das nicht buchstäblich vorzustellen, das Beispiel von T. sind etwa die russischen Avantgardisten, die die Volkskunst (der Onkel!) wieder ins Zentrum rücken. Es ist der Rösselsprung eines Schachbretts: Felder nach vorne, aber auch einen zur Seite. Das ist der normale Vorgang.

Was das alles mit unserer Zeit zu tun hat?

Das stinkende Pestsymbol des kubanischen Massenmörders unserer Zeit ist nichts anderes als die Ablehnung eines Vaters, den man überall zu entdecken glaubt, nichts anderes als die Unfähigkeit, das Vertraute nicht als das Konkurrierende wahrzunehmen. Wo man aber früher das Vertraute durch das Verwandte neu schuf, ist heute nur mehr der Abgrund, der Wunsch, endlich alles überstanden zu haben. Die ganzen Pathologien wie ewige Adoleszenz und Anmaßung (man beginnt ja von null weg, also ist alles möglich) sind dann nur mehr Folgeerscheinungen.


Georg Simmel über Frauen

Da ich gerade erfahren habe, dass es wohl üblich ist, über Männer zu schreiben, fiel mir etwas ein, was ich vor kurzem gelesen und in der Tat sehr amüsant gefunden habe. Und das ist wohl der Hauptunterschied zwischen den beiden Texten, sie sind beide vielleicht nur einer bedürftigen Wahrheit geschuldet, aber mit Humor ist nur der von Simmel geschrieben, der andere bleibt leblos und abgestanden, er baut nichts auf, dekonstruiert lediglich.

„Ich werde nun auch schwerlich mit der Behauptung weit irren, dass die Mehrzahl der weiblichen Eigenheiten, die man dem psychischen Wesen der Männer gegenüber hervorzuheben pflegt, auf die größere Undifferenzirtheit der Frau zurückgeführt werden können, auf die Tatsache, dass ihre Anlagen, Neigungen, Betätigungen enger um einen Einheitspunkt herum gesammelt und aus ihrem ursprünglichen keimhaften Ineinander noch nicht zu selbständiger Existenz spezialisirt sind. Die Vorstellungen stehen bei ihr noch in jener innigeren gegenseitigen Verbindung, die den Teil sofort das Ganze reproduziren lässt und bei der weniger logische Zusammengehörigkeit, die immer das Resultat einer Auslese unter den Vorstellungen ist, als reales Zusammensein über die gegenseitige Stellung der Vorstellungen im Bewusstsein und über das Maaß entscheiden, in dem sie ihre Kraft in Anziehung und Abstoßung zeigen. Diese Eigenart hängt zunächst mit dem Ueberwiegen des Gefühlslebens bei den Frauen zusammen, über das alle Beobachter einig sind.
[…]
Richtiger glaube ich behaupten zu können, dass allerdings der Wert der Wahrheit als eines für sich bestehenden und von seinen praktische Folgen losgelösten Ideals ihnen schwer einleuchtet; auf die allgemeinen psychologischen Gründe hiervon komme ich weiter unten zu sprechen und erwähne hier in dieser Hinsicht nur, dass die Frauen durch ihre physiologischen Verhältnisse und die Rücksichten, welche sie auf diese nehmen müssen, vielfach gradezu gezwungen sind, irgend welche Lügen zu sagen. Ihre Schätzung der Aufrichtigkeit als solcher muss natürlich darunter leiden, dass sie ihr so oft grade aus der sittlichen Rücksicht des Anstands Abbruch tun müssen. Zudem geht die gesammte weibliche Erziehung unsrer höhern Kreise, in so weit sie auf den Verkehr mit Männern vorbereiten will, im guten Fall dahin, dass die Mädchen sich zu beherrschen lernen, im schlechten, dass sie sich zu verstellen lernen. Der verschärfte Kampf ums´s Dasein, der für sie als Kampf um den Mann auftritt, zwingt ihnen oft die Heuchelei, sowohl als simulation wie als dissimulatio, gradezu auf, wozu noch die oberflächliche Bildung in Wissenschaften und Künsten gehört, die in der Mehrzahl der Fälle sofort bei Seite geschoben werden, sobald der Zweck dieser Ausstattung der Persönlichkeit, die Gewinnung eines Mannes, erreicht ist. Ich hebe hier nur noch als dem Wahrheitsinteresse feindlich die allgemein anerkannte Neigung der Frauen zum Uebertreiben hervor, die nicht ganz leicht zu erklären ist.
Nach dem, was wir von der Ausdrucksweise der Naturvölker hören, scheint das Uebertreiben der primitiveren Geistesverfassung überhaupt eigen zu sein; indertat ist das unverfälschte Aufnehmen und Reproduziren von Eindrücken, das einfache der Sache angemessene Urteilen keineswegs die erste, sondern erst die letzte Stufe intellektueller Ausbildung. Der menschliche Geist scheint eine Neigung ….“

Aus: Georg Simmel, Zur Psychologie der Frauen

Nun, und so weiter.


Bach über den Sinn von Musik

„Der General Bass ist das vollkommste Fundament der Music welcher mit bevden Händen gespielet wird dergestalt das die lincke Hand die vorgeschriebene Noten spielet die rechte aber Con- und Dissonantien darzu greifft damit dieses eine wolklingende Harmonie gebe zur Ehre Gottes und zulässiger Ergötzung des Gemüths und soll wie aller Music, also auch des General-Basses Finis und End-Ursache anders nicht, als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüths seyn. Wo dieses nicht in Acht genommen wird, da ists keine eigentliche Music, sondern ein teuflisch Geplerr und Geleyer.“

– Johann Sebastian Bach: Vorschriften und Grundsätze zum vierstimmigen Spielen des General-Bass oder Accompagnement 1738

Nun gut, es sei zugegeben: Die Energie bezogen wir jahrtausendelang nicht von heidnischen Gestalten und Vorstellungen über das Feuer, sondern vom Gott der Wüste. Wahrscheinlich ist es deshalb schon unumgänglich für die große Masse, sich auf genau diesen zu besinnen, zu viel Symbolik der Kunst und Architektur hängt daran.


Vorurteile. Ich bitte darum

„Als ich ein junger Lehrer in Cornell war, hatte ich einst mit einem Professor der Psychologie eine Debatte über Erziehung. Er sagte, dass es seine Funktion sei, Vorurteile seiner Studenten loszuwerden. Er schlug sie um wie Kegel. Ich begann mich zu fragen, womit er diese Vorurteile ersetzte. Er schien keine große Ahnung zu haben, was das Gegenteil eines Vorurteils sein könnte. Er erinnerte mich an den kleinen Jungen, der mich mit 4 Jahren mit gewichtigem Ernst darüber informierte, dass es keinen Weihnachtsmann gebe, der wollte, dass ich im brillanten Licht der Wahrheit bade. Wusste dieser Professor, was die Vorurteile für diese Studenten bedeuteten und welchen Effekt es haben würde, sie ihrer zu berauben? Glaubte er, dass es Wahrheiten gibt, die ihr Leben genauso leiten könnten wie diese Vorurteile? Hatte er überlegt, wie den Studenten die Liebe zur Wahrheit mitzugeben war, notwendig für das Suchen vorurteilsfreier Meinungen, oder würde er sie passiv machen, trostlos, gleichgültig, mithin also abhängig von Autoritäten wie ihm? Mein Informant über den Weihnachtsmann gab einfach nur an, bewies mir seine Überlegenheit über mich. Er hatte den Weihnachtsmann nicht erfunden, der da sein musste, um ihn zu widerlegen. Überlegen Sie, wie viel wir vom Glauben an den Weihnachtsmann über die Welt lernen, und wie viel wir über die Seele von jenen lernen, die an ihn glauben. Im Vergleich dazu fördert eine rein methodologische Trennung der Seele von der Vorstellung, die uns Götter und Helden an die Höhlenwand projizieren lässt, Wissen über die Seele nicht; es ist eine Lobotomie, sie schwächt ihre Kräfte.

Vorurteile, starke Vorurteile, sind Visionen über die Art und Weise, wie Dinge sind. Sie sind Prophezeiungen über die Ordnung der Ganzheit der Dinge, deshalb ist der Weg zum Wissen über das Ganze eine Folge von falschen Meinungen über selbiges. Der Irrtum ist in der Tat unser Feind, aber er allein deutet zur Wahrheit hin und verdient also unsere respektvolle Behandlung. Der Geist, der von vornherein keine Vorurteile besitzt, ist leer. Nur Sokrates wusste, nach einem Leben rastloser Arbeit, dass er unwissend war. Heute weiß das jeder Jugendliche. Wie konnte das so einfach werden? Was ist verantwortlich für unseren erstaunlichen Fortschritt? Könnte es sein, dass unsere Erfahrung durch unsere verschiedenen Methoden so verarmt ist, dass nichts Substanzielles mehr übrig ist, das Kritik widerstehen könnte, und dass wir also deshalb keine Welt mehr übrig haben, über die wir nichts wissen könnten? Für das Auge des dogmatischen Skeptikers ist möglicherweise die Natur selbst, mit all ihrem satten Überfluss an Ausdruck, ein Vorurteil. An ihren Platz stellen wir ein graues Netzwerk von kritischen Konzepten, die erfunden wurden, die Phänomene der Natur zu interpretieren, die sie aber stattdessen abwürgten und so ihre eigene Lebensberechtigung zerstörten. Möglicherweise ist es unsere erste Aufgabe, diese Phänomene wiederzubeleben, sodass wir wieder eine Welt haben, an die wir Fragen stellen können und über die wir philosophieren können. Das scheint mir unsere erzieherische Aufgabe zu sein.“

Aus: Allan Bloom, The Closing of the American Mind.

Übersetzung aus dem Englischen durch Zam


Todeswunsch II

„Den Fingerzeig zum rechten Wege gab mir die Frage, was eigentlich die von den verschiedenen Sprachen ausgeprägten Bezeichnungen des ‚Guten‘ in etymologischer Hinsicht zu bedeuten haben: da fand ich, dass sie allesammt auf die gleiche Begriffs-Verwandlung zurückleiten, – dass überall ‚vornehm‘, ‚edel‘ im ständischen Sinne der Grundbegriff ist, aus dem sich ‚gut‘ im Sinne von ’seelisch-vornehm‘, ‚edel‘, von ’seelisch hochgeartet‘, ’seelisch-privilegirt‘ mit Nothwendigkeit heraus entwickelt: eine Entwicklung, die immer parallel mit jener anderen läuft, welche ‚gemein‘, ‚pöbelhaft‘, ’niedrig‘ schliesslich in den Begriff ’schlecht‘ übergehen macht. Das beredteste Beispiel für das Letztere ist das deutsche Wort ’schlecht‘ selber: als welches mit ’schlicht‘ identisch ist – vergleiche ’schlechtweg‘, ’schlechterdings‘ – und ursprünglich den schlichten, den gemeinen Mann noch ohne eine verdächtigenden Seitenblick, einfach im Gegensatz zum Vornehmen bezeichnete.
[…]
Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, dass das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werthe gebiert: das Ressentiment solcher Wesen, denen die eigentliche Reaktion, die der That versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten. Während alle vornehme Moral aus einem triumphirenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem ‚Ausserhalb‘, zu einem ‚Anders‘, zu einem ‚Nicht-selbst‘: und dies Nein ist ihre schöpferische That. Diese Umkehrung des werthesetzenden Blicks – diese nothwendige Richtung nach Aussen statt zurück auf sich selber – gehört eben zum Ressentiment: die Sklaven-Moral bedarf, um zu entstehn, immer zuerst einer Gegen- und Aussenwelt, sie bedarf, physiologisch gesprochen, äusserer Reize, um überhaupt zu agiren, – ihre Aktion ist von Grund aus Reaktion.
[…]
Wenn die vornehme Werthungsweise sich vergreift und an der Realität versündigt, so geschieht dies in Bezug auf die Sphäre, welche ihr nicht genügend bekannt ist, ja gegen deren wirkliches Kennen sie sich spröde zur Wehre setzt: sie verkennt unter Umständen die von ihre verachtete Sphäre, die des gemeinen Mannes, des niedren Volks; andererseits erwäge man, dass jedenfalls der Affekt der Verachtung, des Herabblickens, des Überlegen-Blickens, gesetzt, dass er das Bild des Verachteten fälscht, bei weitem hinter der Fälschung zurückbleiben wird, mit der der zurückgetretene Hass, die Rache des Ohnmächtigen sich an seinem Gegner – in effigie natürlich – vergreifen wird. In der That ist in der Verachtung zu viel Nachlässigkeit, zu viel Leicht-Nehmen, zu viel Wegblicken und Ungeduld mit eingemischt, selbst zu viel eignes Frohgefühl, als dass sie im Stande wäre, ihr Objekt zum eigentlichen Zerrbild und Scheusal umzuwandeln.
[…]
Der Mensch des Ressentiment [ist] weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu. Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte muthet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demüthigen.
[…]

Auf einen Menschen, der den Menschen rechtfertigt, auf einen complementären und erlösenden Glücksfall des Menschen, um desswillen man den Glauben an den Menschen festhalten darf!… Denn so steht es: die Verkleinerung und Ausgleichung des europäischen Menschen birgt unsre grösste Gefahr, denn dieser Anblick macht müde… Wir sehen heute Nichts, das grösser werden will, wir ahnen, dass es immer noch abwärts, abwärts geht, in´s Dünnere, Gutmüthigere, Klügere, Behaglichere, Mittelmässigere, Gleichgültigere, Chinesischere, Christlichere – der Mensch, es ist kein Zweifel, wird immer ‚besser‘ … Hier eben liegt das Verhängniss Europa´s – mit der Furcht vor den Menschen haben wir auch die Liebe zu ihm, die Ehrfurcht vor ihm, die Hoffnung auf ihn, ja den Willen zu ihm eingebüsst. Der Anblick des Menschen macht nunmehr müde – was ist heute Nihilismus, wenn er nicht das ist?… Wir sind des Menschen müde…“

Nietzsche, Genealogie der Moral: Unheimlich in seiner prophetischen Kraft.

Hervorhebungen durch Zam