Zum Tod in Venedig

Man hatte sich gehütet, die Scheere an sein schönes Haar zu legen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, über die Ohren und tiefer noch in den Nacken. Ein englisches Matrosenkostüm, dessen bauschige Ärmel sich nach unten verengerten und die feinen Gelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Hände knapp umspannten, verlieh mit seinen Schnüren, Maschen und Stickereien der zarten Gestalt etwas Reiches und Verwöhntes. Er saß, im Halbprofil gegen den Betrachtenden, einen Fuß im schwarzen Lackschuh vor den andern gestellt, einen Ellbogen auf die Armlehne seines Korbsessels gestützt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einer Haltung von lässigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordnete Steifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewöhnt schienen. War er leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach weiß wie Elfenbein gegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war er einfach ein verzärteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer Liebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem Künstlernaturell ist ein üppiger und verräterischer Hang eingeboren, Schönheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen.

Exakt 100 Jahre später erscheint diese Aussage beinahe grotesk, sollte sich Thomas Mann nicht in den Boden schämen, sie getätigt zu haben? Der zeige mir den Künstler, der in seinem Kunstwerk der Schönheit den Vorzug gibt und öffentliche, das heißt, von der Intelligenz veröffentlichte und genehmigte Belobigung erhält. Schönheit ist bei weitem zu ungerecht, beinahe ketzerisch. Da gibt es diese andere mächtige Strömung, die Wille und Zwang zur Originalität heißt. Schönheit ist noch immer der Vater, dessen Fußstapfen man nicht folgen kann. Bei näherem Nachdenken könnte man doch aber eigentlich zu dem Schluss kommen, ihn nach mehreren Generationen wieder als den exzentrischen Onkel wahrzunehmen, dem unsere Bewunderung galt? Dazu braucht es auch keinen melancholischen Roger Scruton

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