Monatsarchiv: August 2011

Lebesjatnikow vs. Rasumichin

An allen Ecken stehen die Lebesjatnikows und die Rasumichins und streiten miteinander, und ihre Positionen bringen sie dann in etwa so vor:

L.: „Von Hohn ist nicht die Rede, sondern von einem Proteste gegen diesen Brauch. Ich habe dabei ein nützliches Ziel im Auge. Ich kann dadurch indirekt die Entwicklung der Menschheit und die Propaganda fördern. Jeder Mensch hat die Pflicht, die geistige Entwicklung seiner Mitmenschen zu fördern und Propaganda zu treiben, und je energischer er es tut, um so besser ist es. Ich kann eine Idee wie ein Samenkorn hinstreuen … […] Da sehen Sie einmal, wie es Frau Warenz machte! Sieben Jahre lang hatte sie mit ihrem Manne zusammen gelebt; da verließ sie ihn und ihre zwei Kinder und schrieb ihrem Manne in einem Briefe eine energische Absage: ‚Ich bin zu der Einsicht gelangt, daß ich mit Ihnen nicht glücklich sein kann. Ich werde es Ihnen nie verzeihen, daß Sie mich betrogen haben, indem Sie mir verheimlicht haben, daß es dank den Kommunen noch eine andre Gesellschaftsordnung gibt. Ich habe das alles vor kurzem von einem hochgesinnten Manne erfahren, dem ich mich auch zu eigen gegeben habe, und mit ihm zusammen will ich eine Kommune gründen.‘ […] In diesem Stil müssen derartige Briefe geschrieben werden. Nun, was ist denn dabei? Nach meiner Ansicht, das heißt nach meiner persönlichen Überzeugung, ist das für eine Frau der eigentlich normale Zustand. Warum auch nicht? Das heißt: distinguons! In der jetzigen Gesellschaftsordnung ist dieser Zustand selbsverständlich nicht normal, weil er durch eine Notlage herbeigeführt wird; aber in der künftigen Gesellschaftsordnung wird er völlig normal sein, weil er da ein freiwilliger ist. Und auch unter jetzigen Verhältnissen hatte dieses Mädchen ein Recht, so zu handeln, wie sie gehandelt hat: sie litt Not, und ihr Körper war ihr Fonds, sozusagen ihr Anlagekapital, über das sie vollständig berechtigt war zu verfügen. Natürlich, in der künftigen Gesellschaftsordnung werden keine Fonds nötig sein; sondern die Stellung der Frau wird anderweitig festgesetzt und in harmonischer, vernunftgemäßer Weise geregelt sein. Was Sofja Semjonowna persönlich anbelangt, so betrachte ich unter den gegenwärtigen Umständen ihre Handlungsweise als einen energischen, zur Tat gewordenen Protest gegen die bestehende Gesellschaftsordnung und empfinde vor ihr große Hochachtung deswegen; ich freue mich sogar jedesmal, wenn ich sie sehe!“

R.: „Ich will dir Bücher zeigen, die sie darüber geschrieben haben; immer heißt es bei ihnen: ‚die Gesellschaft ist daran schuld‘, weiter nichts. Das ist ihr beliebtes Schlagwort! Daraus folgt dann ohne weiteres, daß, wenn es gelingt, die Gesellschaft normal einzurichten, mit dem Wegfall jedes Anlasses zu einem Proteste sofort auch alle Verbrechen verschwinden und alle Menschen im Nu gerecht werden. Aber die Natur wird von ihnen nicht in Betracht gezogen; die wird in diesen Erwägungen ignoriert, die wird nicht als Faktor in die Rechnung eingesetzt. Nach ihrer Ansicht verhält es sich nicht so, daß die Menschheit auf historischem, organischem Wege sich weiterentwickelt und schließlich zum Normalzustande gelangt, sondern ein soziales System, das Produkt eines mathematischen Kopfes, wird die ganze Menschheit in Ordnung bringen und sie im Nu gerecht und sündlos machen, schneller als jeder organische Prozeß, ohne jede historische und organische Entwicklung! Daher haben sie auch eine solche instinktive Abneigung gegen die Geschichte; ‚die Geschichte‘, sagen sie, ‚ist ein Gemenge von Schändlichkeiten und Dummheiten‘, und erklären alles nur aus der Dummheit. Darum haben sie auch eine solche Abneigung gegen den organischen Lebensprozeß: eine lebendige Seele brauchen sie nicht! Eine lebendige Seele verlangt zu leben; eine lebendige Seele fügt sich nicht in einen Mechanismus; eine lebendige Seele ist mißtrauisch; eine lebendige Seele opponiert! Aber den Menschen, der in ihr System paßt, den kann man aus Kautschuk machen; und wenn er auch einen Kadavergeruch hat – dafür ist er auch nicht lebendig, dafür ist er auch willenlos, dafür ist er auch sklavisch und rebelliert nicht. Kurz, sie denken an nichts als an die Aufführung der Mauern und die Anordnung der Korridore und Zimmer in ihrer großen Phalanstère. Die Phalanstère ist fertig; aber die menschliche Natur dafür passend zu machen, damit sind sie noch nicht fertig. Die menschliche Natur will leben; sie hat ihren organischen Entwicklungsprozeß noch nicht abgeschlossen; sie auf den Kirchhof zu bringen, damit ist es noch zu früh! Mit der kahlen Logik kann man sich über die Natur nicht hinwegsetzen! Die Logik sieht vielleicht drei mögliche Arten voraus, wo es ihrer eine Million gibt! Diese ganze Million beiseite zu schieben lediglich mit Rücksicht auf die Bequemlichkeit beim Aufbau des Systems, das ist allerdings die leichteste Lösung der Aufgabe. Das ist von einer verführerischen Überheblichkeit, und das Denken spart man dabei ganz. Und das ist die Hauptsache: man spart dabei das Denken! Das ganze geheimnisvolle Problem des Lebens läßt sich dann auf zwei Druckseiten abtun!“

Meinetwegen sind sie beide nicht gerade am verständigsten, nur Lebesjatnikow aber verlangt eine ganz besondere Dummheit (oder intellektuelle Bereitschaft zur begriffsverpesteten Schlauheit), um ihm zu glauben, und Dostojewskij wird schon seinen Grund gehabt haben, nur ihn explizit auch so zu bezeichnen. Wie dumm und hinterhältig unser Diskurs seit 1866 doch geworden ist, damals war er einfältig und ehrlich.

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London

So knapp davor. Das fehlende Paradies endlich durch einen bewussten Ruck erzeugen.
Die Linke hat Blut geleckt, sie fühlt die Erregung und die Chance, endlich die Asche zu erzeugen, aus der der Garten Eden wachsen wird. Beinahe schade, dass es keine verhinderten römischen Opernsänger gibt, die das Brennen Londons besingen, aber so ähnlich, so schrecklich ähnlich klingen die professionellen Stimmen der westlichen Welt.

Es passiert, was immer passiert, die Infizierten trachten in Wahrheit nach dionysischen Zuständen, wo wir endlich wieder Kälber und Menschen zerreißen und verspeisen, Blut trinken, bis wir bersten.


Vom Stehlen der Vergangenheit

Es fasziniert immer wieder, wie konsequent die kollektivistischen Apologeten der Apokalypse und Reprimitivierung in ihrer Methodik verfahren, ich müsste Bewunderung empfinden, würde mich nicht der Ekel schütteln. Es gibt keinen Bereich, der unangetastet bleibt, kein Refugium, das man seinem Gegner gönnt. Höchstens wird darüber diskutiert, ob der Progressivität zu schnell und zu viel Raum gegeben wurde, die Richtung aber versteht sich als festgelegt.
Eines der Refugien, in dem der unaufgeklärte und unwürdige Bürger normalerweise Trost sucht, ist das einer konstituierenden Vergangenheit, dessen Derivat wir doch alle zu sein glauben, viel wichtiger noch, dessen Symbole und Artefakte uns (noch) überall umgeben. Die Wiener Universität lässt sich also natürlich nicht lumpen, auf ihr wird gelehrt, dass selbst unser unverwechselbarstes Erbe eine Lüge ist: Die Antike sei, wie das die Schwiegertochter des ach so seligen Kreisky auf der Politikwissenschaft lehrt, gestohlen. Der weiße Teufel hat vereinnahmt, was ihm nicht gehört, griechische Mythologie sei nichts als afrikanische, somit Europa nur ein verlogener Außenposten der gütigen schwarzen Urmutter. Das Italien des 14. Jahrhunderts ist -natürlich- ein Produkt von Averroes und Avicenna, mithin islamisch. Hierzu: Averroes Bezeichnung lautet „Der Kommentator“, Aristoteles, den er kommentiert hat, „Der PHILOSOPH“ (sic!), kürzlich erst wieder im wunderbaren Kriminalroman von Eco gelesen. Die erste Behauptung entstammt der Black Athena von Martin Bernal, und die Rezeption und vernichtende Kritik der Klassizisten und Ägyptologen zauberte immerhin ein kleines Lächeln auf mein Gesicht: Handfeste Beweise gehen natürlich gegen null, die etymologischen Vermutungen des Autors tendieren eindeutig zu einer mythischen Geschichtsauffassung. Warum das Lachen? Weil der Versuch, dem Westen seine Vergangenheit zu stehlen, die gleiche Grundstimmung besitzt, die alles legitimiert, hat sie nur eine wichtige Voraussetzung, das moralische Verfehlen des weißen Patriarchats.

Jedes Jahr setzen sich Tausende Studenten diesem geifernden Hass aus, sie strömen aus den Universitäten direkt in die veröffentlichte Meinung, zu den NGOs, in die Politik. Worte haben Konsequenzen.

P.S.: Da fällt mir noch eine kleine Anekdote ein: Vor wenigen Jahren besuchte ich also ein Seminar zur politischen Theorie unter der bezaubernden Feministin Dr. Sauer, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Hobbes und Co. anhand der Auslassungen und Ausgrenzungen in Hinsicht auf Rasse, Klasse und Geschlecht zu untersuchen. Ja, ein Häresietribunal. Die Studentin, die ihr Referat zum Sexismus bei Kant hielt, hatte eine so liebreizende Gestalt, dass ich ihren Worten nicht folgen konnte (obwohl damals noch strammer Ideologiesoldat), aus den 2 Möglichkeiten der Wahrnehmung wählte ich selbstverständlich die angenehme. Ich weiß also nur noch wenige Sachen, etwa, dass Kant die Frechheit besessen habe, „Erhabenheit“ männlich und „Schönheit“ weiblich zu assoziieren. Wie dem auch sei, gegen Ende der Litanei wurde es der (bedeutend weniger attraktiven) Professorin wohl doch etwas zu bunt und zu eindeutig gehirngewaschen, sodass sie meinte: „Ja, das haben Sie alles sehr schön herausgearbeitet, aber, nur damit wir ein einigermaßen vollständiges Bild haben, muss ich Sie noch fragen: Was hat Kant sonst noch gemacht? Welche allgemeinen Prinzipien hat er vertreten?“ Die Studentin, gerade noch im Eifer des religiösen Dienstes, trat von einem Fuß auf den anderen und presste schließlich hervor: „Naja, das habe ich nicht so recherchiert ..“
Glücklicherweise war das Seminar bereits am Ende, sodass die Frage unbeantwortet blieb, ich bin mir aber absolut sicher, sie hat sich bemüht, ihr fehlendes Wissen nachzuholen!


Zum Tod in Venedig

Man hatte sich gehütet, die Scheere an sein schönes Haar zu legen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, über die Ohren und tiefer noch in den Nacken. Ein englisches Matrosenkostüm, dessen bauschige Ärmel sich nach unten verengerten und die feinen Gelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Hände knapp umspannten, verlieh mit seinen Schnüren, Maschen und Stickereien der zarten Gestalt etwas Reiches und Verwöhntes. Er saß, im Halbprofil gegen den Betrachtenden, einen Fuß im schwarzen Lackschuh vor den andern gestellt, einen Ellbogen auf die Armlehne seines Korbsessels gestützt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einer Haltung von lässigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordnete Steifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewöhnt schienen. War er leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach weiß wie Elfenbein gegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war er einfach ein verzärteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer Liebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem Künstlernaturell ist ein üppiger und verräterischer Hang eingeboren, Schönheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen.

Exakt 100 Jahre später erscheint diese Aussage beinahe grotesk, sollte sich Thomas Mann nicht in den Boden schämen, sie getätigt zu haben? Der zeige mir den Künstler, der in seinem Kunstwerk der Schönheit den Vorzug gibt und öffentliche, das heißt, von der Intelligenz veröffentlichte und genehmigte Belobigung erhält. Schönheit ist bei weitem zu ungerecht, beinahe ketzerisch. Da gibt es diese andere mächtige Strömung, die Wille und Zwang zur Originalität heißt. Schönheit ist noch immer der Vater, dessen Fußstapfen man nicht folgen kann. Bei näherem Nachdenken könnte man doch aber eigentlich zu dem Schluss kommen, ihn nach mehreren Generationen wieder als den exzentrischen Onkel wahrzunehmen, dem unsere Bewunderung galt? Dazu braucht es auch keinen melancholischen Roger Scruton