Monatsarchiv: Juli 2011

Thomas Sowell

Doch jene, die für ein bewusstes Schaffen von Gesetzen durch juristischen Aktivismus argumentieren, machen dies nicht auf der Basis von demokratischen Mehrheiten, sondern in der Überzeugung, im Besitz eines intellektuell und moralisch überlegenen Prozesses für das Treffen von Entscheidungen zu sein. Eine gleiche Gesellschaft ist für Dworkin die bessere, selbst wenn ihre Bürger die Ungleichheit bevorzugen.
Für die Vertreter einer unbeschränkten Vision über die artikulierbaren Kapazitäten des Menschen ist es durchaus konsequent, egalitäre Ziele mit durchwegs nicht egalitären Methoden zu verfolgen, betrachtet man die Unterschiede zwischen den „Weisesten und Besten“ (John Stuart Mill) und jenen, die dieses moralische und intellektuelle Level noch nicht erreicht haben.
Im Umkehrschluss waren jene mit der beschränkten Vision weniger besorgt über soziale und ökonomische Ungleichheiten als vielmehr über eine Ungleichheit der Macht, die eine Elite von herrschenden Rationalisten produzieren würde. Mit den Worten von Hayek: „Das gefährlichste Stadium des Wachstums einer Zivilisation könnte sich sehr wohl als dasjenige herausstellen, wo man all diese [tradierten] Überzeugungen für Aberglauben hält und sich weigert, das zu akzeptieren oder sich dem unterzuordnen, was man nicht rational verstehen kann. Der Rationalist, dessen Vernunft anscheinend nicht ausreicht, ihm die Grenzen der Macht einer rationalen Vernunft zu lehren, und der also alle Traditionen und Institutionen verachtet, die nicht bewusst konstruiert wurden, könnte sich sehr wohl als der Zerstörer der Zivilisation entpuppen, die auf ihnen gegründet wurde.“

Sinngemäß aus Thomas Sowell: A Conflict of Visions, das Buch sollte eigentlich in Gänze zitiert werden…

Übersetzung von Zam


Tolkien

Die Elben von Düsterwald sind nicht groß und nicht klein, ihre Wurzeln verlieren sich in der letzten großen Welle an Menschen aus dem Süden, die zu ihnen kamen und ihre Unsterblichkeit durch den unweigerlichen Vermischungsprozess endgültig erlöschen ließen. Selbst die spitzen Ohren waren von ihnen gewichen, ihre Zähne waren mittlerweile von schlechter Qualität, ein Erbe der vielen Ehen mit den Orks aus dem Osten. Ihre Haut hatte einen grauen Teint angenommen, der immerhin einen Vorteil hatte, sie konnten sich leicht in die Schatten ducken, eine Eigenschaft, die sie von den Hobbits aus dem Westen erlernt hatten. Ihre Gesänge hatten sie lange aufgegeben, ihre Sprache war eine beliebige Mischung aus Blök- und Grunzlauten, die ihnen die Istari beigebracht hatten. Diese nämlich waren vor der entscheidenden Frage gestanden, wie die Reiche nach dem Ringkrieg zu einer dauerhaften Befriedung zu bewegen seien. Nach der großen Ratsversammlung hatten sie erkannt, dass es die Unterschiede zwischen den Völkern waren, die den Zwietracht erzeugt. Deswegen sei der Ork mit dem Mensch und der Zwerg mit dem Elb zu vereinen, denn, was sollten sie dann noch aneinander hassen? Das Modell Düsterwald war die Grundlage für einen Versuch, der sich über ganz Mittelerde ausbreitete, sodass man die Abkömmlinge bald an den grauen Anfurten, in Umbar, bei den Eisenbergen, beim Meer zu Rhun, nahe des Orthanc und an allen anderen möglichen Plätzen fand.

Das riecht nach Spannung pur, mithin nach einem Verkaufsschlager.


Loyalität

Gehe ich davon aus, dass die Annahmen, aufgrund derer ich gewisse Bedingungen in eine Übereinkunft gieße, mit der Zeit wertlos werden, weil durch das Fortschreiten selbiger notwendigerweise klügere und revolutionäre Brüche erfolgen, muss die Vorstellung von Loyalität an Glanz verlieren. Das Brechen von Verträgen ist dann nur mehr eine Nebensächlichkeit, sind wir nicht alle viel schlauer und begabter als diese seltsamen Figuren aus einer untergegangenen Welt?
Die Aristokratie also, die dem englischen König 1215 erste Beschränkungen auferlegte, war, wie wir heute zu wissen glauben, durch und durch böse, wie es eben die Vision der Moderne nahelegt. Welchen Glauben sollen wir dann dieser albernen Idee schenken, dass Freiheit vor allem Freiheit von einer – und nicht durch eine – Zentralgewalt ist, wenn ihre Verkünder delegimitiert sind?


Gnostizismus, 2.Teil

Im Original erschienen bei:
http://www.brusselsjournal.com/node/4461

Autor: Thomas F. Bertonneau
Titel: Gnosticism from a Non-Voegelinian Perspective, Part III (Gnosticism in Modern Scholarship)

Übersetzung von Zam

Dies ist der dritte Artikel einer Serie, der das Phänomen der Gnosis (oder Gnostizismus) aus einer “Nicht-Voegelinschen Perspektive” analysiert. Eric Voegelin (1901-1986) benutzte den Begriff “Gnostizismus” in The New Science of Politics (1952), Science Politics & Gnosticism (1965) und anderswo, um auf die “geschlossenen” bzw. ideologisch totalitären Systeme hinzuweisen, die für ihn die Essenz der Moderne charakterisierten. Voegelin war ein Kritiker der Moderne, genauso wie er ein Kritiker ihrer ideologisch totalitären Systeme war, der Begriff Gnostizismus (um ihn aus den Anführungszeichen zu nehmen) trug immer eine stark pejorative Konnotation. Voegelins Ansicht war, besonders in der voluminösen Studie Order and History (1957-1965) ausgedrückt, dass Gnostizismus seinen Triumph zwar vergeblich in der Antike anstrebte, in der modernen Periode jedoch wiederbelebt wurde und die dominante Weltanschauung des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. Voegelin meinte nicht – wie von manchen interpretiert – dass spezielle gnostische Doktrinen in der mittelalterlichen Periode in Verborgenheit überlebten, um dann wieder mit allen Details in Existenz zu gelangen; vielmehr argumentierte er, dass die Schwierigkeit, sich mit der “Spannung” (die wahrgenommene Mangelhaftigkeit oder sogar Feindseligkeit) der Existenz abzufinden manche Leute dazu verleitete, Existenz durch die Erstellung einer ausgeklügelten “zweiten Realität” zu leugnen.

[Die relativ langen Ausführungen des Mittelteils werden hier nicht wiedergegeben, der Übersetzer aber ermuntert sehr, einen Blick in das Original zu riskieren.]

Der gnostische Mythos impliziert, dass eine auserwählte Person als Gott fungiert: Als die Katastrophe im Pleroma passierte, wurden Funken von göttlicher Substanz in der materiellen Welt gefangen. Der Erwählte genießt seine ontologische Differenz zu anderen, da er solch einen Funken als Seele besitzt.
[…]
Gnostizismus erweist sich als radikal anders im Vergleich zu sowohl dem aufkommenden Christentum der späten Antike als auch dem fortbestehenden Heidentum bezüglich seiner Anpassung an die Existenz. Für Gnostiker ist die Welt vergiftet, Gott ist ihr radikal fremd. Heiden interpretieren die Natur als überall von Gott und Göttern durchdrungen, während der christliche Gott, obgleich transzendent, durch Inkarnation einen Weg in die materielle Welt findet, um als Fleisch gewordenes Subjekt mit jenen zu kommunizieren, die ihn suchen. Für Christen, die hier die jüdische Sicht erben, ist Gott zugleich der Schöpfer einer Welt, die gut ist und über die er die Menschen als Wächter stellt. Christen und heidnische Kritiker nähern sich in ihrer Verurteilung der gnostischen Welt-Verabscheuung aneinander an.
Gnostizismus wurde durch die Forschung im 19. Jahrhundert wiederentdeckt. Ihre Blüte erreichte diese Forschung in der Mitte des 20. Jahrhunderts, Neugier bezüglich Gnostizismus jedoch bleibt bestehen und wächst sogar wieder. Der Da Vinci Code (2003) des Novelisten Dan Brown ist keine Forschung, aber der Erfolg des Buches, inklusive seiner Verfilmung, zeigt das gestiegene Interesse an Gnostizismus in den letzten Jahren. Gnostizismus wird speziell als antinomisches Symbol im Kontext des linken Massen-Entertainments abgehandelt. Im Artikel, der diesem voranging, argumentierte ich, dass der gnostische Mythos eine Spielart des Sündenbock-Mythos ist. Der Da Vinci Code ist eben so ein Sündenbock-Mythos, der sich der latenten anti-christlichen Empfindung auf der Linken [unübersetzbar: ‘Liberalism’ im modernen Sinn] bedient, um das Ressentiment des Lesers auf Figuren zu lenken, die die normative Religion der katholischen Kirche repräsentieren, und seine Helden bei den antiken Gnostikern und ihren mittelalterlichen Nachfahren Paul und Cathar etabliert.
Es ist ein Verkaufsschlager der modernen Literatur, der einen fiktiven Stammbaum von Jesus Christus erstellt, der laut der Handlung seiner Kreuzigung entkommt, Maria Magdalena heiratet und Schutz vor seinen Verfolgern im südlichen Gallien findet. Die Kinder von Jesus werden zu den Merowingern. Wie bei den gnostischen Texten selber ist es gerade die absolute Willkürlichkeit, die das Buch verlockend macht. Seine Verbreitung lässt darauf schließen, dass die Impulse der gnostischen Sichtweise, vor allem die Notwendigkeit einer zweiten Realität für viele Menschen, erhalten wurden.

Anmerkung des Übersetzers:
Der Sinn des Textes ist es nicht, christliche Überlegenheit anzudeuten, dazu bedürfte es auch einer ganz anderen Methodologie, im Übrigen habe ich sehr ambivalente Ansichten zum Gott der Wüste, mir war es mit den Worten des Autors nur wichtig anzudeuten, wie viele gnostische Elemente in der westlichen Welt verharren und darauf warten, sich Geltung zu verschaffen. Daraus entstehen religiöse Bewegungen verschiedenster Variation, die jedoch immer eines gemeinsam haben: Sie definieren sich notwendigerweise aus einer unbedingten Ablehnung des Christentums, wenn sie nicht explizit heidnischer Art sind wie der Gaya-Kult der globalen Erwärmung, dessen Teilnehmer Waldgeister in jedem Baum sehen. Ihre Welt ist durch und durch von Mystizismus durchtränkt.


Staatsbürgerschaft

Zu Zeiten Kaiser Hadrians war es keineswegs selbstverständlich, nach geleistetem Militärdienst das von vielen sehnlichst gewünschte Landhaus samt dienendem Personal zu erhalten. Es war ein Privileg der römischen Legionäre, und, die Benennung sagt es, nur Römer konnten diesen Rang einnehmen. Übrigens: Um römischer Bürger zu werden, hatte man 25 Jahre an den schrecklichsten Grenzposten, zum Beispiel dem Wiener Sumpf an der Grenze zu den Barbaren, den Untergebenen zu spielen. Jeder, der dieses Wagnis einging, wusste, dass er es für seine Kinder tat.
Faszinierende Idee.


Das Glück der Enthaltsamkeit

Sie sind eine städtische Bewegung, am Land halten sie sich, abgesehen von Splittergruppen, nicht sehr gerne auf. Das urbane Umfeld nämlich erzeugt das Klientel, deren Schuldbewusstsein ihr täglich Brot ist. Manche von ihnen sieht man, selbst an verregneten Tagen, auf der Straße stehen, wo sie ihre Ablassware anpreisen und den Vorübergehenden möglichst danach trachten, den Tag zu verdüstern, und sei es nur durch den traurigen Ausdruck ihrer gebrochenen Augen, die vom Elend der Welt künden.
Sehr viel geschickter aber sind jene, die es verstanden haben, institutionell zu agieren. Sie haben es verstanden, dass es keine Möglichkeit für die Begünstigten einer Gesellschaft gibt, sich ihre vermeintlichen Sünden selbst zu verzeihen, es bedarf eines Mittlers. Feine Ideale sind es, die sie predigen, Nachhaltigkeit und Enthaltsamkeit, die Tiere zu lieben, Konsumgüter aber zu verachten. Reiche haben sie gerne um sich, denn es wäre ein Fehler zu glauben, der stärkste Impuls dieser Zunft wäre die Gier, vielmehr ist es Eitelkeit. Vergebung und Frieden mit der Welt erhält man auf banalste Weise, man gibt ihnen schlicht Geld, immerhin hilft das über den Gedanken hinweg, dass kein Schwein auf dieser Erde freiwillig nach ihren Grundsätzen lebt.
Die Rede ist natürlich von den Franziskanern.