Lehren des Herrn Fjodor Michailowitsch D.

Iwan Fjodorowitsch Karamasow erzählt, dass er einen Arzt getroffen habe, der nach langem Hin und Her zu dem Schluss gekommen sei, er hasse die Menschen umso mehr, als er die Menschheit zu lieben begann. Muss das wirklich wundern? Die Aussichtslosigkeit des Einzelnen, allen Vorstellungen von Perfektion zu genügen, kann nur dazu führen, in der immerwährenden Aufeinanderfolge von Scheitern und Enttäuschung schließlich das defekte Material selbst zu verachten. Im Grunde kann es zur Auflösung dieser Verzweiflung nur zwei funktionierende Antworten geben, und keine von beiden entspricht dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts. Die eine wurde lange Zeit praktiziert und hat den unbestreitbaren Vorteil, Verfehlungen durch das Beispiel des Falls eines allerhöchsten Wesens selbst zu entschuldigen und dadurch vor den Augen des Schöpfers gerecht zu erscheinen, wenn man nur dazu bereit ist, ihn auch wirklich als Erretter anzuerkennen. In dieser Variante bin ich zwar bestrebt, allem Bösen auf dieser Welt innerhalb meiner Kräfte entgegenzutreten, weiß aber, dass mich Vergebung erwartet, sollte ich scheitern; und ich werde scheitern. Nun, so mancher hat das Sklavenmoral getauft. Der andere Weg ist ungleich schwieriger, denn er setzt einen gewissermaßen übermäßigen, wenn auch gesunden Egoismus voraus, der davor bewahrt, Böses überhaupt als Kategorie anzuerkennen. Aber! Das soll nicht heißen, dass man dem Grauen kalt in das Angesicht blickt, man nimmt es als ästhetischen Mangel war, der genauso schwer wiegt wie der ethische des ersten Weges. Eigentlich unnötig hinzuzufügen, hier muss die Abhängigkeit von moralstiftender Symbolik abgelehnt werden. Ich halte beides für entsprechend und würde im Übrigen hinzufügen, dass sich um den ersten letztendlich die größere Menge scharen wird, wenn die europäische Identität dereinst einmal wirklich, grundsätzlich vor der Ausrottung steht.

Was aber macht der Mensch des besagten Jahrhunderts? Er nimmt von beidem das Schlechteste, verbannt Symbolik, Riten, Tradition der Theologie und behält sich fatalerweise deren Ethik. Die Schlussfolgerung ist trivial: Er sieht Krieg, Mord, Leid, Hunger und kann es nicht verantworten. Der einzige Weg, der ihm bleibt, ist der Hass auf die ihn umgebenden Menschen und alles, wofür sie stehen, wobei er wirklich sich selbst zu hassen beginnt. Üblicherweise verschafft er sich eine Professur und vergiftet die weiter, welche sich schon mit Verachtung angesteckt haben.

Mein Heilmittel: Es ist besser, erst einmal die Menschheit nicht zu mögen, und sich dann unendlich oft an den Ausreißern zu erfreuen, die im Leben an unsere Gestade gespült werden.

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