Monatsarchiv: März 2011

Über Gnostizismus

Übersetzung von Zam

„Der Versuch, sich das Warum unseres Seins einzuverleiben, ist fundamental ein Versuch, unser Wissen von Transzendenz fester zu umschlingen, als das die cognitio fidei, die Erkenntnisfähigkeit des Glaubens, zulässt; und gnostische Erfahrungen bieten diesen festeren Griff insofern an, als sie eine Ausdehnung der Seele bis zu dem Punkt sind, wo Gott in die Existenz des Menschen hineingezogen wird. Diese Ausdehnung beschäftigt die verschiedensten Veranlagungen des Menschen, und so ist es auch möglich, eine ganze Reihe an gnostischen Varietäten zu unterscheiden, je nachdem, welche Veranlagung beim Greifen von Gott dominiert. Gnosis kann vor allem intellektuell sein und die Form einer spekulativen Durchdringung der Mysterien von Schöpfung und Existenz annehmen, wie es zum Beispiel bei der kontemplativen Gnostik von Hegel oder Schelling der Fall ist. Sie kann auch primär emotional sein und die Form von innewohnender göttlicher Substanz in der menschlichen Seele annehmen, so bei parakletischen [tröstenden und ermutigenden] Sektenführern. Schließlich kann sie auch primär Wille sein und die Form einer aktiven Erlösung des Menschen und seiner Gesellschaft anstreben, wie es bei den Beispielen von revolutionären Aktivisten wie Comte, Marx, oder Hitler der Fall ist. Diese gnostischen Erfahrungen sind der Kern einer Re-Divinisierung der Gesellschaft, da sich die Menschen, die sich dieser Erfahrung ergeben, selbst göttliche Attribute verschaffen, indem sie den Glauben im christlichen Sinn durch die wuchtigere Teilnahme an Vergöttlichung substitutieren.“

Eric Voegelin, The New Science of Politics, s. 124

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Lehren des Herrn Fjodor Michailowitsch D.

Iwan Fjodorowitsch Karamasow erzählt, dass er einen Arzt getroffen habe, der nach langem Hin und Her zu dem Schluss gekommen sei, er hasse die Menschen umso mehr, als er die Menschheit zu lieben begann. Muss das wirklich wundern? Die Aussichtslosigkeit des Einzelnen, allen Vorstellungen von Perfektion zu genügen, kann nur dazu führen, in der immerwährenden Aufeinanderfolge von Scheitern und Enttäuschung schließlich das defekte Material selbst zu verachten. Im Grunde kann es zur Auflösung dieser Verzweiflung nur zwei funktionierende Antworten geben, und keine von beiden entspricht dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts. Die eine wurde lange Zeit praktiziert und hat den unbestreitbaren Vorteil, Verfehlungen durch das Beispiel des Falls eines allerhöchsten Wesens selbst zu entschuldigen und dadurch vor den Augen des Schöpfers gerecht zu erscheinen, wenn man nur dazu bereit ist, ihn auch wirklich als Erretter anzuerkennen. In dieser Variante bin ich zwar bestrebt, allem Bösen auf dieser Welt innerhalb meiner Kräfte entgegenzutreten, weiß aber, dass mich Vergebung erwartet, sollte ich scheitern; und ich werde scheitern. Nun, so mancher hat das Sklavenmoral getauft. Der andere Weg ist ungleich schwieriger, denn er setzt einen gewissermaßen übermäßigen, wenn auch gesunden Egoismus voraus, der davor bewahrt, Böses überhaupt als Kategorie anzuerkennen. Aber! Das soll nicht heißen, dass man dem Grauen kalt in das Angesicht blickt, man nimmt es als ästhetischen Mangel war, der genauso schwer wiegt wie der ethische des ersten Weges. Eigentlich unnötig hinzuzufügen, hier muss die Abhängigkeit von moralstiftender Symbolik abgelehnt werden. Ich halte beides für entsprechend und würde im Übrigen hinzufügen, dass sich um den ersten letztendlich die größere Menge scharen wird, wenn die europäische Identität dereinst einmal wirklich, grundsätzlich vor der Ausrottung steht.

Was aber macht der Mensch des besagten Jahrhunderts? Er nimmt von beidem das Schlechteste, verbannt Symbolik, Riten, Tradition der Theologie und behält sich fatalerweise deren Ethik. Die Schlussfolgerung ist trivial: Er sieht Krieg, Mord, Leid, Hunger und kann es nicht verantworten. Der einzige Weg, der ihm bleibt, ist der Hass auf die ihn umgebenden Menschen und alles, wofür sie stehen, wobei er wirklich sich selbst zu hassen beginnt. Üblicherweise verschafft er sich eine Professur und vergiftet die weiter, welche sich schon mit Verachtung angesteckt haben.

Mein Heilmittel: Es ist besser, erst einmal die Menschheit nicht zu mögen, und sich dann unendlich oft an den Ausreißern zu erfreuen, die im Leben an unsere Gestade gespült werden.


Zugeständnis

Eines muss man den Advokaten der kosmischen Gerechtigkeit lassen: Sie sind in ihrem Weltbild durchaus konsequent, 1*10^-10 steht im selben Verhältnis zur Unendlichkeit wie 1*10^10. Wenn ich also daran glaube, dass man das potentielle Elend in der Seele von jedem von uns, all den Hass, Ärger, Zorn, Neid, kurz, all diese anstößige Irrationalität, durch die geeignete Kampagne zur sozialen Gerechtigkeit zum Erlöschen bringen kann, dann ist es nur folgerichtig, keinen Unterschied im Grad des sittlichen Verfehlens zu machen.
Es ist dann nicht nur irrelevant, dass 90% der auf Al-Jazeera letzthin zu sehenden verpackten weiblichen Gesichter chirurgisch (welch herrlich klinisches Wort) jeglicher Möglichkeit sexueller Freude entbunden wurden, solange am Machthaber westliche Spuren haften. Es ist dann nicht nur irrelevant, dass es in China Seen gibt, die sinngemäß derart beschildert sind, dass man hier bitte keine neugeborenen Mädchen versenken dürfe, solange es auch nur den Verdacht einer Augen-Vergewaltigung auf einer Wiener Universität gibt. Es ist schlicht langweilig, man weiß es nicht. Wieso sollte man auch. Welcher arme Geist auch immer den Spießrutenlauf durch besagtes Gebäude absolviert hat, wird jedenfalls feststellen, welcher Pol die größere Aufmerksamkeit findet.


Eine Vision

Es soll also geschehen, dass dereinst sich ein silbernes Blitzen am Horizont ankündigt und Donner durch die Täler rast. Wie könnte es anders sein, sie sind es, die Erlöser aus dem All, die mit ihren mächtigen Schiffen Sonne und Hoffnung verdunkeln, bis denn endlich ein erlöstes Seufzen durch die Menschheit eilt, denn sie kamen in freundlicher Absicht. Wie sie später erzählten, wäre es beinahe passiert, dass sie ihre Fahrt an der Erde vorbeigeführt hätte, hätten sie nicht zufällig mit den ihren unheimlich genauen Instrumenten Fetzen der (wie man ihnen dann erklärte) zweiten englischen Suite von Bach empfangen, die aus einer der verlassenen Kathedralen des Westens tönte. Neugierig geworden beschlossen sie also, den Brocken näher zu untersuchen. Wieso habe ich nur das traurige Gefühl, dass sie der stattliche schwarze Führer und erste globaler Bürger schnurstracks zu den Elendsvierteln dieser Welt führen wird?

Sie glauben mir nicht? Machen Sie den Test: Fragen Sie den Vertreter irgendeiner modischen Opfergruppe, was er Besuchern einer anderen Welt als Erstes zeigen würde.