Monatsarchiv: Februar 2011

Society Against Itself: Howard Schwartz On The Suicide Of Western Civilization

Der Originaltext erschien im Brussels Journal am 22.2.2011 unter dem Titel „Society Against Itself: Howard Schwartz On The Suicide Of Western Civilization“, der Autor ist Thomas F. Bertonneau.

Society Against Itself: Howard Schwartz On The Suicide Of Western Civilization

Übersetzung aus dem Englischen von Zam

Howard Schwartz entscheidet sich, Society Against Itself (Karnac 2010) – ein Buch, das zusammen mit Allen Bloom´s Closing of the American Mind (1987) und Paul Gottfried´s Multiculturalism and the Politics of Guilt (2002) in jedes Bücherregal gehört – mit einem Epigraph von Euripides´ Tragödie Die Bakchen, von der es heißt, sie sei die letzte seines Schaffens, zu beginnen. In der Abenddämmerung der von der Polis gekennzeichneten Phase der griechischen Existenz,  in der Zeit nach den katastrophalen Kriegen zwischen Athen und Sparta, unter dem Einfluss des drohenden Schattens makedonischer Hegemonie, zeichnet Euripides ein Bild von einem Staat in sich beschleunigender Auflösung, der von einer Kombination aus religiöser Manie und launenhafter Rebellion gegen die Beschränkungen bürgerlichen Lebens ergriffen wird. Die Gründe der Krise finden sich in den sirenenhaften Gesängen eines wandernden Fremden, der die Frauen von Theben auffordert, der  bürgerlichen Ordnung als dem Äquivalent von unerträglicher Tyrannei zu entsagen und ihre Stadt für orgiastisches Amazonentum in den umliegenden Landen zu verlassen. In der Szene, die Schwartz´ Überlegung anstachelt und sein Argument vorwegnimmt, ermordet Agave, die Tocher von Cadmus und Mutter von Pentheus, den regierenden König, da sie unter der Wahnvorstellung leidet, er sei ein Löwe. Später präsentiert sie ihre Trophäe, den abgetrennten Kopf, ihrem Herrn.

Cadmus, Gründer von Theben und sein erster König, reagiert unter dem Einfluss von aufwallender Pein: „Unbescholten ist das Opfer, das du den Göttern geboten, und mich und mein Volk lädst du ein zu diesem Bankett. Ach, Leid ist mir zuerst um die deinen Sorgen, dann um die meinen.“ Cadmus selbst allerdings ist nicht unschuldig an der Ungeheuerlichkeit, er selbst verspürte den Reiz des antionomischen Kultes, zog das Ziegenfell an, um mit den Frauen in den Bakchen zu tanzen. Sogar Pentheus, der die Ordnung wiederherstellen will, hatte sich der lüsternen Wissbegierde ergeben, ließ er sich doch überzeugen, die Orgien in den Bergen auszuspionieren und somit den bakchschen mörderischen Gelagen zu erliegen.

Wie Nietzsche in seiner Geburt der Tragödie (1870) schreibt, war und ist das Phänomen des dionysischen Kultes, der der athenischen Versammlung so viele Schwierigkeiten machte und dessen Riten später verboten wurden, auch in anderen historischen Kontexten als dem Klassischen durchaus lebendig. Wie Nietzsche anmerkt: „So waren auch im deutschen Mittelalter singende und tanzende Mengen, die unaufhörlich in Zahl wuchsen, von einem Platz zum nächsten gewirbelt unter demselben dionysischen Impuls.“ Auf diese Weise, „bei den Tänzern des hl. Johannes und des hl. Veit entdecken wir den bacchäischen Chorus der Griechen, mit seiner Geschichte in Kleinasien, zurückreichend bis nach Babylon und den orgiastischen Sacaea.“ Möglicherweise erscheint der dionysische Zorn auch in der revolutionären Auflösung, wie in Paris 1789 oder den mitteleuropäischen Soviets nach 1918, sich gegen das principium individuationis richtend. Die Sehnsucht nach einer „primären Einheit“, wie sie Nietzsche bezeichnet, die Zurückweisung von Beschränkung und Limits durch den Mob, sucht alle Gesellschaften und Zivilisationen heim, unsere ist davon nicht ausgeschlossen.

1. Schwartz, seit langen Jahren Professor für Psychologie an der Oakland University in Michigan, verwendet zwar eher das Vokabular Freuds als das von Nietzsche, aber seine bündige Skizze der psychoanalytischen Theorie von sozialer Ordnung zeigt, wie nahe Nietzsche Freud ist, denn sowohl für Freud als auch für Nietzsche ist Ordnung ein männliches Prinzip, ebenso wie Organisation ein männliches Prinzip ist. Der Grund für Ordnung in traditionellen Organisationen ist funktional begründet. Die korporativen Organisationen der Mitte des 20. Jahrhunderts – Produktionsbetriebe, Zeitungen, Banken, Universitäten usf. – strebten nach Funktionalität, indem sie andere Belange unter das Ziel von effizienter und profitabler Produktion unterordneten. Gegenwärtige Organisationen, die unter den beharrlichen Einschränkungen politischer Korrektheit agieren, widmen sich mehr und mehr einer  „Diversität“, wodurch sie sie alle anderen Belange diesem neuartigen Ziel unterordnen. Diese Organisationen begrüßten das Prinzip „Diversität“, obwohl keine Studie existiert, dass sie einer gesteigerten Produktivität dienlich wäre. Im Gegenteil, wie Schwartz bemerkt, Diversität senkt nachweislich Produktivität. Society Against Itself kritisiert deshalb beide Konzepte, „Diversität“ als auch die politische Korrektheit, sowohl Praxis als auch den Diskurs. Schwartz betont darüber hinaus den matriarchalischen Charakter dieser Phänomene, indem er sie mit der rapide um sich greifenden Feminisierung westlicher Kultur in Verbindung bringt.

Im Unterfangen, „organisierte Selbstzerstörung“ zu verstehen, argumentiert Schwartz, dass die psychoanalytische Theorie uns zu dem Begriff „Patriarch“ im Bernsteinschen Sinn hinführe, denn die Psychoanalyse habe einiges über den Vater zu sagen, der der Patriarch notwendigerweise ist. Die intellektuelle und emotionale Bereitschaft zur Entwicklung hin zu einer traditionellen erwachsenen Person korrespondiert mit der „ödipalen Psychologie“, wie Schwartz darstellt. Die traditionelle erwachsene Person hat sich mit der Struktur einer Realität ausgesöhnt, wie sie vom Vater vermittelt wird, dessen pragmatisches Bekenntnis zu Arbeit und Verdienst es ermöglicht, den Haushalt zu unterstützen, in dem die heranwachsenden Kinder unter der Aufsicht der Mutter ein größtenteils sorgenfreies Leben führen. Das Bild des Kindes vom Vater ist von Abgeschiedenheit geprägt, da der Vater notgedrungen abwesend ist – draußen in der Welt, um zu arbeiten. Im Gegensatz dazu steht die Abgeschlossenheit und emotionale Tönung einer augenblicklichen Nährung durch die Mutter, denn sie ist es, die sich notwendigerweise in andauernder Nähe zu dem Kind aufhält. Das Bild der Mutter ist somit das dominierende in der anfänglichen Welt des Kindes. Ein gesundes Heranwachsen  bringt die 2 Bilder in ein Gleichgewicht; will der zukünftige Erwachsene jedoch in einem organisierten, unpersönlichen Kontext bestehen, muss sein primäres und ausgleichendes Bekenntnis der paternalen Vermittlung durch das Bild des Vaters gelten.

Das Bild des Vaters steht für eine objektive Ordnung als dem vordringlichen Wert einer funktionierenden Gesellschaft. Es steht auch im Gegensatz zu dem, was das Kind schlussendlich opfern muss, will es sich von seinem infantilen Status lösen, nämlich die bedingungslose Validierung seiner Gelüste und den Schutz vor den Erschütterungen dieser Welt durch die Mutter.

Schwartz schreibt: „[Die] Mutter ist die ganze Welt für das Kind; ihre Liebe für es wird als absolut, durch und durch, gänzlich genügend für jeden Zweck empfunden.“

Die Liebe der Mutter stellt den Dreh- und Angelpunkt einer jeden Person dar, sich grundsätzlich gut und akzeptiert zu fühlen, das Subjekt empfindet die Quelle dieser Liebe als „die machtvollste Regung der Psyche“. Sogar im Fall eines wirklich gereiften Subjekts, das sich der Askesis unterzogen hat, die notwendig ist, das paternale mit dem maternalen Bild in ein Gleichgewicht zu bringen, bleibt der Sog der Mutter stark, er übt die Faszination einer Phantasie aus, wo das Subjekt „zu einem primären Narzissmus zurückkehrt.“ Hier ist das Ego nicht gezwungen, sich durch endlos scheinende Kompromisse in eine Realität mit anderen Egos zu integrieren, „es wird wieder das Zentrum einer liebenden Welt.“ Eine Komponente dieser Phantasie ist die Auffassung, dass der Vater eine Bruchstelle in die Beziehung zwischen Kind und Mutter treibt. An dieser Bruchstelle erkennen wir den Freud´schen Ödipuskomplex, wo das Subjekt, mit den Worten von Schwartz, „den Vater töten will, um die intime und exklusive Verbindung mit der Mutter wiederherzustellen.“ Wie Schwartz bemerkt, hat der Ödipuskomplex außer der streng psychologischen Implikation noch andere: Durch die „erfolgreiche Auflösung dieses Komplexes“ erreicht das Subjekt um nichts weniger als die „Sozialisierung“, die letztendlich „kompetente, erwachsene Mitglieder der Gesellschaft“ produziert.

Zugleich, wie Schwartz argumentiert, „ist die Psychologie der Liebe von der der Arbeit nicht abgegrenzt.“ Das Subjekt akzeptiert die Voraussetzung von Arbeit – es identifiziert sich mit dem paternalen Bild – nur deshalb, weil es durch die Heirat, erworben durch kontinuierliche Leistung und Reproduzierung des traditionellen Haushalts, die Aussicht auf Liebe wiedererlangt. Tatsächlich „erlangen wir diese liebende Welt nie vollends wieder.. nichtsdestotrotz gibt die Idee, dass wir sie gewinnen und somit das Ego-Ideal realisieren können, unserem Leben Sinn.“ Wie es jedoch scheint, kann das Subjekt daran scheitern, ein Gleichgewicht zwischen der Psychologie der Liebe und der der Arbeit finden. Die Macht des maternalen Bildes, bei Säumnis eines ebenso überzeugenden paternalen Bildes, kann zu einem bockigen Widerstand führen, sich in die Realität zu integrieren. Es ist dieser Zustand, in heutiger Zeit gesellschaftlich endemisch und sogar als Ideologie formuliert, den Schwartz als Anti-ödipale Psychologie bezeichnet und den er mit sowohl „Irrationalität“ als auch einer „Verherrlichung von Diversität“ gleichsetzt. Bei der politischen Korrektheit, wie Schwartz schreibt, „geht es heute um Identität“, es geht nachdrücklich um eine fanatische Politik einer nicht normativen und nicht-westlichen Identität. Was sind nun die Merkmale dieser Anti-ödipalen Psychologie? Bevor diese Frage behandelt wird, scheint es nützlich, ein paar Worte zu der Methodik von Schwartz zu sagen.

Seine Theorie hat Wurzeln bei Freud und Jacques Lacan, seine Methode jedoch wurzelt im intuitiven oder introspektiven Zugang zu philosophischer Beschreibung, wie sie von Edmund Husserl als Phänomenologie kodifiziert ist. Schwartz schreibt über Society Against Itself, dass dies ein Werk stehend in der phänomenologischen Tradition sei, in der notwendigerweise der Schwerpunkt beim Verstehen sein eigener Geist sei. Schwartz sieht sich im eifrigen Bemühen, die irrationalen Elemente seines eigenen Geistes zu verstehen. So ist es auch bei dem Hauptteil des Buches, den Fallbeispielen; die Kapitel über den Jayson Blair Skandal bei der New York Times, über die linke Machtergreifung bei der United Church of Christ im Namen des Schutzes von Homosexuellen und der Kultivierung von Diversität, über die Selbstzerstörung des Antioch College, schließlich bei den Bestimmungen betreffend sexueller Belästigung als einem Fall von „organisierter Hysterie“. Schwartz macht, was gute Psychologen und Literaturkritiker machen: Er prüft die Aussagen der Kläger, um die essentiellen Charakteristika zu erkennen, anhand derer sie selbst die Welt wahrnehmen und verstehen. Bei fast allen Fällen erfordert es vom Untersuchenden, sich selbst in die Ego-Position von jemandem zu versetzen, der sich selbst als absolut moralisches Opfer eines absolut unmoralischen Täters sieht. Obwohl eine notwendige, war dies wohl keine sonderlich freudvolle Aufgabe.

Die Anti-ödipale Psychologie ist nicht zufällig eine emotionale, selbstgerechte Opferpsychologie, die sich dadurch ausdrückt, dass sie eine grimmige und unverbesserliche Suche nach Sündenböcken beginnt, ohne auch nur den geringsten Widerspruch zu sehen. Wo „ es die Funktion des Vaters war, sich mit der Realität zu beschäftigen und sie in Distanz zur Familie zu halten, um es der Liebe der Mutter zu ermöglichen, frei und in Sicherheit innerhalb der Familie zu walten“, hat der moderne Mann wohl, so die Analyse von Schwartz, „diese Aufgabe nur allzu gut gemeistert.“ Das Wirken einer gänzlich paternalen Generation, die in den 1950ern und 60ern den größten Wohlstand schuf, der je historisch bekannt war, führte zu der Idee, dass es eine unabhängige Realität gebe, mit der man sich beschäftigen sollte, indem man alte Überzeugungen abwarf. Dieser soziologische Wandel kann bei der Verlängerung der Adoleszenz, bei der Faszination, die Geräte und Spielzeuge bei Menschen auslösen, die chronologisch erwachsen, psychologisch aber noch Kinder sind, sowie dem masssiven Verlust beim Verständnis der Funktion von Institutionen beobachtet werden.

2. Schwartz theoretisiert, dass in der heutzutage vorherrschenden und triumphierenden Anti-ödipalen Psychologie „die Bedeutung der Rolle des Vaters verloren wurde, er nicht mehr als Modell für unser Streben, sondern als Eindringling gilt.“ Die Merkmale dieser narzistischen Phantasie sind für jeden ersichtlich, der damit vertraut ist, was man den allgemeinen feministischen Diskurs nennen könnte. Die Liebe des Vaters für die Mutter wird als aggressiv, habgierig, räuberisch und brutal neu gezeichnet, für Schwartz die Rekonstruierung des Tropus „er nahm sie mit Gewalt … er zwang sie dazu, ihre Aufmerksamkeit von uns Kindern abzuwenden.“ In Bezug auf die Mutter „entzog uns der Vater der Einheit mit ihr, alles, was wir brauchen würden, das, was uns zusteht.“ Bei dieser Phantasie der maternalen Hinlänglichkeit und berechtigten Ansprüche ist der „gefühlsbetonte Kern“ des Subjekts das Glühen des „Zorns gegen den Vater.“ Für solch ein wütendes Subjekt ist „Bedeutung nur mehr strukturiert durch die Ablehnung der Errungenschaft, die die Basis für Sozialisation im ödipalen Modell ist.“ Schlussendlich „werden der Zorn und die Abneigung gegen den Vater und die Gleichgültigkeit der Welt, die er repräsentiert, zum Prüfstein von Sinn selbst“ und „das Über-Ich, die Verinnerlichung der Forderungen einer externen Realität, werden zur fremden Präsenz in unserer eigenen Psyche“, die vom Subjekt als „inhärente Unterdrückung“ interpretiert werden und die natürlich des Umsturzes bedarf.

Wo die politische Korrektheit dieser übelwollenden Peter-Pan Phantasie einen ähnlichen, wenn nicht gar einen exakt so formulierten, Ausdruck gibt, „kann man sehen, woher die emotionale Macht der PC kommt.“ Auf der Website View From the Right argumentierte der formidable Lawrence Auster vor kurzem, dass die Phrase politische Korrektheit zu einer Form von Euphemismus geworden sei, die in ihrer Vagheit und Abstraktion die destruktive Ekelhaftigkeit eines modernen linken Totalitarismus verbergen wolle. Mir fällt kein brauchbarer Ersatz ein – für jeglichen wirklichen Sinn komplett ungeeignet, stellt diese Phrase eine Aufschrift für jenen heimtückischen, gefühlsbasierten, ansteckenden und gefährlich nihilistischen Angriff auf die institutionellen Organe dar, durch die die westliche Zivilisation ihr Projekt mit der unerbittlichen externen Realität in Einklang brachte. Die „Korrektheit“ in der politischen Korrektheit ist unzivilisiert und verlangt Opfer, sie ist eine Wiederauferstehung von primitiven Tabus und Beschränkungen, eine Wiederbelebung von Tribalismus.

Schwartz unterstützt uns in unserem Denken über PC, so wie wir darüber denken sollten – in Verbindung mit diesen erbitterten, korpulenten Statuen der Erdmutter der neolithischen Periode, deren Mythen unweigerlich das strafende Opfer eines fehlgeleiteten Sohnes verlangen, dessen Verlangen nach Unabhängigkeit die mütterliche Sodalität untergräbt. In den Bakchen von Euripides etwa verbreitet Dionysus schlicht, dass er gekommen sei, die Thebaner unter Pentheus für die Untaten der Generation von Cadmus zu strafen, die seiner Mutter zugefügt worden seien, Semele.

Schwartz besteht wiederholt auf der tribalistisch-matriarchalen Essenz von Identitätspolitik, für die ihre Proponenten voller Lüge den Begriff der Diversität bemühen. Die Verehrer von ethnischer und sexueller Identität und von „Diversität“ haben entdeckt, dass „die Macht der Mutter von denjenigen, die sich mit ihr identifizieren, mobilisiert und gesteuert werden kann“ und dass sie „Zusammenschluss bieten sowie Begehrlichkeiten wecken können“, eben so wie es die rebellischen Frauen in den Bakchen tun. Zusammengefasst: „Dem Leben wird durch das Angebot eines Zusammenschlusses mit der perfekten Mutter Sinn gegeben, unter der Bedingung, dass wir den Vater und seine Werke ablehnen, da sie nur das Schlechte mit sich bringen.“ Da die matriarchale Sicht auf die Welt den Vater als Quell alles Bösen ausmacht, da er selbst absolut böse ist, kann es auch die durch die Väter als Kollektiv geschaffenen Institutionen nur  als genauso abscheulich und unerträglich ansehen wie ihre Schöpfer. Die bestimmende Institution der modernen westlichen Gesellschaft ist der Markt, der abstrakte Ort von Austausch, deswegen auch das unter der Decke stecken von Anti-ödipaler Psychologie und vorgefertigter sozialistischer Missgunst.

Schwartz interessiert sich vor allem für die Konsequenzen der triumphierenden politischen Korrektheit bei Organisationen, die sich der Verseuchung unterwerfen. Einige dieser Konsequenzen sind im Abstrakten ableitbar, ohne den Rückgriff auf empirische Fälle. Einerseits „werden die Beziehungen innerhalb einer Organisation im Normalfall als Ausdruck dessen angesehen, was die Organisation glaubt tun zu müssen um ihren Status als Akteur durch die Befriedigung externer Forderungen zu erhalten.“, andererseits „kann eine Anti-ödipale Psychologie durch ihre Leugnung einer externen Realität Handelsbeziehungen nicht nur keinen Sinn abgewinnen, sie wird erst durch die Resistenz gegen sie lebendig.“ Schwartz kreiert einen Begriff für diesen Anti-ödipalen Widerstand gegen organisierende Strukturen: Anti-ödipaler Verfall. Solch ein Verfall findet statt, „wenn eine Organisation ihre Standards zugunsten der Bekundung von Liebe gegenüber Personen aufgibt, die die Legitimität dieser Standards nicht akzeptieren können oder wollen und die darin nur ein komplexes Instrument der Unterdrückung sehen.“

Als Ausgangsbeispiel nimmt Schwartz die Einführung von  positiver Diskriminierung bei Zulassungen an der Michigan State University in East Lansing, Michigan in den 1990ern. Amerikanische Leser werden sich vielleicht daran erinnern, dass damals eine junge Frau namens Jennifer Gratz keine Zulassung zur MSU erhielt und die Institution verklagte. Der Fall wurde durch alle Instanzen bis zum obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten durchgereicht. Die Entscheidung des Gerichts sah eine teilweise und ziemlich unzufriedenstellende Aufhebung der Zulassungspraxis dar, die Gratz angefechtet hatte. Nichtsdestotrotz, die Anklage erforderte es von den Advokaten der positiven Diskriminierung an der MSU-Fakultät, ihre Kriterien bezüglich der Zulassung von Studenten öffentlich darzulegen. Wie Schwartz aufzeigt, „Die Universität räumte ein, dass es keinen direkten Bildungsnutzen infolge der Diversität gebe, behauptete aber, ohne einen Beweis, dass eine diverse Studentenschaft nötig sei, um den Effekt von verschiedenen „Diversitätsübungen“ zu ermöglichen. Die Behauptung, in keiner Weise angelehnt an die traditionelle Aufgabe einer Universität oder höherer Bildung, ist natürlich eine Tautologie; damit, dass sie geäußert wurde,  sagten die Universitätsfunktionäre im Grunde, dass sie eine diverse Studentenschaft benötigen würden, um derselben Studentenschaft die Erfahrung der Diversität nahe zu bringen. […] Die Universität hatte Antragsteller wie Gratz abgelehnt, hingegen aber Bewerber mit geringerer Qualifikation angenommen, aus einem einfachen Grund: Gratz war weiß, die anderen Bewerber jedoch gehörten zu einer der neu priviligierten Klassen.

Als ein langjähriges Mitglied der Fakultät, Professor Carl Cohen, ein Gentleman der alten Schule und mit makellosen liberalen Vorbehalten, sich für Gratz und gegen die auf Rasse basierenden Quoten aussprach, die sie von der Institution ausgeschlossen hatten, veranstaltete die Administration im Einklang mit verschiedenen linken und rassenbasierten Gruppen eine Kampagne wüster Verunglimpfung gegen Cohen. Die Administration scheiterte sichtbar an der Verteidigung Cohens und stellte sich aktiv auf die Seite der Verleumder. Cohen hatte die Phantasie selbst bedroht, auf der die PC beruht. Schwartz argumentiert, dass „das Wesen von Bedeutung verlangt, dass Themen wie der Verlust von Standards generalisiert werden. Es ist nicht möglich, eine Behauptung mit Lücken in dem einen Bereich abzudecken, und zu erwarten, dass sie in anderen Bereichen absolut genommen wird.“ Das „Diversitäts“-Regime musste, um sich selbst zu verteidigen, seine Kritiker wie Cohen zerstören.

Die Universität musste ebenso das Grundprinzip ihrer organisierenden Existenz neu formulieren, dieses würde nicht mehr länger eine höhere Bildung entlang der traditionellen Linien sein, mit denen ihre Studenten die Forderungen einer unveränderlichen externalen Realität bewältigen konnten, sondern die irreale, subjektive Sicht einer „sakrosankten“ Existenz, die eine abweichende Meinung nicht tolerieren kann. „Ist der Prozess einer Neuformulierung einmal in Gang gesetzt, ist jeder Prozess innerhalb der Organiation gezwungen, sich ihm anzupassen“, schreibt Schwartz.

Schwartz identifiziert also eine machtvolle matriarchal-narzisstische Phantansie einer uneingeschränkten Liebe, die auf der emotionalen Verschmelzung der Mutter mit ihrem Kind beruht, ein Nexus, der beim Wirken auf einer sozialen Ebene entschiedene Tendenzen zum Opfern aufweist. Die psychische Anlage dieser verschmolzenen Gruppe von Mutter und Kind übt eine Ähnlichkeit zur „Herdenmoral“ oder „Sklavenmoral“, die Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse (1886) diskutiert. In der Analyse von Nietzsche, wie in der von Schwartz, geschieht eine Umkehrung, vom principium individuationis, durch das sich die moderne erwachsene Person entwickelt, hin zu einer neuen tribalen Geschlossenheit, in der das Individium sich selbst aufgibt. Ihre Subjekte (wenn man von einem Subjekt in diesem Kontext sprechen kann) stemmt sich gegen die Forderungen der Zivilisation, insbesondere der Forderung nach einer sorgfältigen, unpersönlichen Auseinandersetzung mit Themen der Moral. Anstatt einer Auseinandersetzung anhand der Kriterien von besser und schlechter und geleitet von historischer Schulung handelt dieses umgekehrte Subjekt (mein Begriff, der Bequemlichkeit halber) in egozentrischen Behauptungen. Nietzsche schreibt, „Heute wissen die Menschen in Europa anscheinend, von dem Sokrates lehrte, dass er es nicht wisse, und was die berühmte Schlange der alten Welt einst versprach zu lehren – sie wissen heute, was gut und schlecht ist.“

Nietzsche schreibt weiter: „Es muss also unappettlich und hart für das Ohr klingen, wenn wir immer darauf bestehen, dass der, der glaubt zu wissen, der, der sich selbst mit Lob und Tadel glorifiziert und sich selbst gut nennt, einer Herdentier-Moral anhängt.“ Nietzsche´s „Herde“ benützt das Vokabular von Befreiung und das Gezeter für eine „freie Gesellschaft“, aber die wirkliche Tendenz deutet hin zu einer „instinktiven Feindseligkeit gegenüber jeder Form von einer Gesellschaft, die anders als die autonome Herde ist“, kombiniert mit Hass gegenüber dem Gesetz und einer Abscheu gegen Werte, die einerseits ein „Missbrauch der Schwachen“, andererseites „unfair“ ist. Laut Nietzsche sucht die Herde „den großen Ablass von allen Verpflichtungen der Vergangenheit.“

Eine konstante Pflicht für eine funktionierende Gesellschaft ist die Verinnerlichung der Ethik des Austausches. Für meine Arbeit – genauer gesagt, für die Qualität meiner Arbeit, im Vergleich zu der von Anderen – belohnt mich die Gesellschaft. Es ist die uralte Vereinbarung von „do ut es“ [Ich gebe, damit du gibst – Anm.].  Die narzisstische Vorstellung jedoch nimmt das „do“-Element in „do ut es“ als eine unerträgliche tyrannische Geste wahr, und der Gedanke der Qualität kränkt den Nachdruck darauf, dass die Gesellschaft alle Personen absolut gleich behandeln müsse. So also macht die überlegene Ausführung von A angeblich aus B ein Opfer. Dies kann nur so sein, weil B neurotisch die Produktivität von A oder sein Talent als ontologisch ungerecht interpretiert, deswegen also auch als Kränkung durch seine simple Existenz, die B´s Dasein selbst bedroht. Schwartz schreibt von den Effekten einer verpflichtenden „Diversität“ am Arbeitsplatz, kommentiert, dass „innerhalb der Opfergruppe der Aspekt des Austausches als ein Teil des ganzen Schemas von unterdrückenden Attacken erfahren wird, die historisch gesehen ihre Opferrolle markiert.“ Wenn dieses Muster einer perversen Pseudo-Bedeutung ihre Struktur dem Subjekt leiht, oder wenn es vielmehr das Ego destrukturiert, dann ist in der Tat „das Individuum verschwunden.“ Wenn „die Balance von Belohnungen hin zu denen kippt, die sich durch ihre historische Opferrolle definieren, dann ist die Verbindung zwischen Ansporn und Mitwirkung gedämpft“, und wo „Diversität“ keine Aufwertung erfährt, wird „Demotivation“ empfunden.

Schwartz widmet dem Fall von Jayson Blair ein Kapitel. Der Skandal um Blair illustriert sowohl die Auflösung des funktionierenden Individuums, hinführend zur emotionalen Geschmacklosigkeit der martriarchal-narzisstischen Phantasie, als auch die „Demotivation“ derer, die von der Phantasie ausgeschlossen sind. Blair spielte eine Rolle in den Nachrichten um 2003 als bekannt wurde, wie dieser junge, schwarze, positiv diskriminierte Mitarbeiter der The New York Times, eingestellt und begünstigt durch das aggressive „Diversitätsprogramm“ der Zeitung, von anderen Reportern abschrieb und gefälschte Geschichten ablieferte, deren Quelle Blair´s Vorstellung war. Es war selbst für die ultra-liberalen Wächter der Times zuviel, die den Schuft feuerte. Die Fakten hinderten Blair nie daran, sich als die verletzte Seite zu präsentieren, sie verhinderte auch nicht breite Sympathie für den Plagiator. Wahrheit? Was ist die Wahrheit? Immerhin, wie Schwartz argumentiert, „wenn das weiße, heterosexuelle Patriarchat (so wie die Besitzer der Times) verdächtig ist, dann ist auch ihr Anspruch verdächtig, die Wahrheit vertreten zu wollen.“

Obwohl es keinen Zweifel gibt, dass die Times, besonders in den letzten Jahren, die Wahrheit oft verdreht hat, war das Journal nichtsdestotrotz stolz, sich als „die Zeitung der Belege“ zu bezeichnen, eine Bezeichnung, die zumindest ein Nicken hin zu einer feststellbaren, objektiven Realität erfordert. Wo aber die Anti-ödipale Psychologie überhand nimmt, sind Verpflichtungen wie Verifizierbarkeit und Objektivität (in einem Wort, Wahrheit) „neu definiert als Zumutungen und Organe der Unterdrückung.“

Schwartz las Blair´s eigene Angaben zu dem Fall mit kritischen Augen. Er schreibt, dass Blair´s „primäre Erfahrung bei der Times ein Anschlag auf sein Selbstbewusstsein gewesen zu sein scheint.“ Es ist so, als sehe der Plagiator die Times als den Vater, aber es war ein Vater definiert innerhalb der Anti-ödipalen Psychologie, empfunden als jemand, der ihm sein Ego-Ideal entziehe. Schwartz konstatiert bei Blair die Ansicht, dass „die einzige legitime Funktion der Zeitung ihm gegenüber die maternale sei: ihn zu lieben und sich um ihn zu kümmern, ihn gegen den unterdrückenden Vater zu verteidigen.“ Nachdem er die erstaunliche Verlängerung von Blair´s Anstellung nacherzählt hat, kommentiert Schwartz, warum so wenige Menschen, die von Blair´s Inkompetenz und Unehrlichkeit wussten, ihn überprüften, oder sogar so weit gingen, ihn trotz ihres Wissens zu begünstigen.

Blair´s Vorgesetzte hatten große Angst, einen schwarzen Angestellten zu kritisieren. Schwartz schreibt: „Die psychologische Deformation, die durch die politische Korrektheit verhängt wird, bewirkt, dass die Gedanken über Rasse, die zeitgleich durch jemanden wie Blair stimuliert, simultan unterdrückt werden.“ Die Konsequenz daraus ist, dass „Menschen nicht fähig sind, auf einer objektiven Ebene Sinn zu machen, nicht einmal bei Themen, die sie tief beunruhigen.“ Schließlich ließ die ganze Geschichte die ehrlichen Mitarbeiter der Times demoralisiert, demotiviert, wie Schwartz schreibt, zurück.

Genauso faszinierend wie die Subversion von institutioneller Zweckmäßigkeit bei The New York Times ist die Geschichte der United Church of Christ, die Schwartz als ein Paradigma dessen ansieht, wie politische Korrektheit und der Mythos der „Diversität“ organisierte Religion korrumpiert. Der Fall der UCC demonstriert, dass politische Korrektheit, stammend von der matriarchal-narzisstischen Phantasie, nicht nur eine Neurose ist, die ihre Geplagten entkräftet; sie ist wild und aggressiv, sie würdigt Dissidenten herab und trachtet danach, sie zu bestrafen – seien es auch nur vermutete Dissidenten. Der Fall der UCC illustriert für Schwartz auch den Versuch der Eliten einer suizidalen Gesellschaft, die – sie betreiben dies nur vordergründig – zu Vertretenden auszumanövrieren. Konfrontiert mit einer sinkenden Mitgliederschaft, entwarf die Hierachie der UCC 2003 eine Werbekampagne im Fernsehen, um Ersatz zu rekrutieren. Der Spot, 33 Sekunden lang und mit „der Vertreiber“ tituliert, unterstellte offenkundig und niederträchtig, dass andere Kirchengemeinden behinderte Menschen, ethnische Minderheiten und Homosexuelle aussschließen würden. Der „Spot“ war so offensichtlich verleumderisch bei seinen generalisierenden Anschuldigungen, dass sich die Fernsehsender weigerten, ihn auszustrahlen, sehr zur lauten Verärgerung ihrer Proponenten.

Wie Schwartz bemerkt, „so absurd die Idee von Christen auch ist, Sünder von ihren Diensten fernzuhalten, es ist nichts gegen die Idee, dass Christen Behinderten ihre Dienste verweigern würden.“ Warum also fühlte sich die UCC dazu berechtigt, zu behaupten, dass andere Christen mit solchen Gedanken spielen würden? Geradeheraus, „Die UCC glaubt, dass sich derlei Gedanken bei anderen Christen finden, weil sie sie dorthin projiziert hat.“ Die UCC hatte die Transformation eines Abkömmlings der Patres hin zu einer „matriarchalen Kirche“ bereits abgeschlossen, deswegen fühlte sie sich auch nicht verpflichtet, sich mit einer objektiven Realität auszusöhnen. Sie betrachtete sich selbst nicht einmal mehr als organisierte Religion; ihre „matriarchale Identifizierung“ erforderte vielmehr, dass „das Angebot der Liebe,“ der Anreiz für neue Mitglieder, „von einem Hass für organisierte Religion begleitet werde.“ Deshalb ist „organisierte Religion laut der Meinung der UCC eine Religion, die vom verhassten Vater organisiert wird,“ eine Umkehrung, die in der amerikanischen protestantischen Christenheit sehr verbreitet ist und die sich auch bei amerikanische Katholiken bemerkbar macht.

Schwartz´ Präsentation eines religiösen Beispiels als „organisierte Selbstzerstörung“ verlangt auch deshalb Aufmerksamkeit, weil es die Opferimpulse der weitreichenden sozial-rekonstruktiven Agenden erkennbar macht, die sich hinter den unverfänglich klignenden Namen wie „Diversität“ und „Multikulturalismus“ verbergen. Selbstständig entdeckt Schwartz, worauf auch ein anderer Kritiker der liberalen Moderne, René Girard, hinweist: Dass die Zurückweisung in der Moderne von traditionellen Institutionen – vor allem die Zurückweisung einer jüdisch-christlichen Moral – keineswegs ein Vorgang der Progressivität, vielmehr einer der Regressivität ist, von den zwei höheren Religionen, die explizit Sündenböcke und Opfer zurückweisen, zurück zu einem primitiven Sündenbockmechanismus und einer Opfermentalität. Nietzsche sah diesen Verfall hin zu antiken Religionen im Auftauchen der „Herde.“ Von Girard sind mündliche Anmerkungen in der Hinsicht überliefert, dass, obwohl es für die politische Linke einen großen Bedarf an zu Opfernden gibt („Unterdrücker“), sie nur erzeugt werden können ,wenn man selbst Menschen beschuldigt, Schikaneure zu sein oder Andere opfern zu wollen. Dies ist eine exakte Beschreibung dessen, was die UCC in der Analyse von Schwartz bei ihrer Rekrutierungskampagne machte.

Bei der Euripidischen Tragödie über Theben tritt durch die rebellische Auflösung der zivilen Sitten notwendigerweise ein Holocaust von Opfern ein – genau diejenigen, die die Ordnung aufrechterhalten würden, wie König Pentheus. Auch die UCC versuchte durch die Karikierung der traditionellen religiösen Ordnung im Vorhinein die angeblichen Verbanner von Behinderten und Homosexuellen zu verunglimpfen. „Der Punkt hier ist“, wie Schwartz schreibt, „dass der Hass und die Zurückweisung des Vater, somit auch organisierter Religion, ein Teil des essentiellen Aufbaus der maternalen Kirche ist.“

Die narzisstische oder Anti-ödipale Psychologie bemerkt den Unterschied zwischen dem Selbst und dem Anderen nicht so, wie es eine gesunde erwachsene Person tut. Indem sie nach der unqualifizierten Liebe der Mutter strebt, kennt es nur den Unterschied zwischen Gut, das es selbst ist, und Böse, alles, das in irgendeiner Weise, sei es durch Kritik oder auch nur die Unverfrorenheit seiner Existenz, das Selbst gefährdet. In seiner religiösen Manifestation fußt die Anti-ödipale Mentalität „auf dem Bedürfnis, alle unakzeptablen Gedanken und Gefühle zu vertreiben; sie auf jemand anderen zu projizieren, der dann rechtschaffenen Hass verdient.“ Die zentrale Selbst-Auffassung des enfant sauvage ist, wie es Schwartz auf den Punkt bringt: „Ich hasse, also bin ich.“

Es ist vielleicht lohnend, eine Bemerkung des australischen Kommentators Edwin Dyga in einem Quadrant-Artikel über „Herausforderungen für die ‚progressive’ feministische Orthodoxie“ zu zitieren: „Man ist oft daran erinnert, dass eine ‚progressive’ soziale Theorie die Ablehnung von Absoluten der Moral fordert, Einrichtungen der ‚politischen Korrektheit’ hingegen dazu dienen, die relativistischen Annahmen zu schützen, auf denen sich diese Theorie verlässt. Durch den größer und größer werdenden Raum, den diese Einrichtungen im öffentlichen Diskurs einnehmen, werden sie ironischerweise kompromisslos und dogmatisch in der Weise, wie sie mit abweichenden Meinungen umgehen.

Für Schwartz ist das gegenwärtige Zeitalter ein „Zeitalter der Hysterie“. Society Against Itself beinhaltet ein Kapitel, das sich mit der „Organisation im Zeitalter der Hysterie“ beschäftigt. Heutzutage ist es die akzeptierte und dogmatische Meinung der gegenwärtigen professionellen Psychiater, dass das Konzept der Hysterie ein obsoletes ist, das zu der peinlichen, patriarchalen Seite von Freuds Theorie gehört. Dass nun Schwartz diesem Stück unantastbarer Wahrheit nicht zustimmt, sollte nicht überraschen: „Hysterie ist nicht nur gesund und munter, sondern gedeiht prächtig.“ Wenn es scheint, dass Hysterie verschwunden ist, weil die sie provozierenden repressiven Verengungen demontiert wurden, so erweist sich diese Erscheinung als Illusion. Nehmen wir an, dass „die hysterische Person ein Verhalten betreibt, das geschaffen wurde, um verständnisvolle Erwiderung von der Umgebung zu erwirken“; wenn „die abgekarterte Beziehung zwischen dem Hysterischen und dem Experten nie in permanter ‚Heilung’ endet“; und wenn „dies laute Angelegenheiten darstellt“ und „nichts außerhalb dieses Dramas existiert“, dann sehen wir schnell, dass Hysterie die grundsätzliche Form der politischen Korrektheit ist. Hier kommen wir zu dem Teil von Schwartz´ Argument, das auf Verstrickung zwischen politischer Korrektheit in all ihren Manifestationen und Feminismus hinweist.

Der Wohlstand Nordamerikas nach dem zweiten Weltkrieg, mit seinem überfürsorglichen Haushalt und seiner freizügigen kulturellen Umgebung, führte zum narzisstischen Mann, der seine Adoleszenz verlängert und das Realitätsprinzip verweigert, das der Vater verkörpert; dieselbe großzügige Befreiung führte zum weit verbreiteten Halt der weiblichen psychologischen Entwicklung im Alter eines frühen Teenagers, bevor das Mädchen seine Sexualität bewältigen muss. Die „Frauenbewegung“ und der Feminismus sind spezifische Manifestationen der Anfälligkeit für diesen hysterischen Halt in der gegenwärtigen Gesellschaft. Schwartz schreibt: „Wenn der Platz von Sexualität innerhalb der menschlichen Beziehungen nicht verstanden wird, muss ihre Bedeutung durch Bilder repräsentiert werden, die ihre Macht durch den spezifischen Selbstbezug des Mädchens als sexuelles Wesen und als Plenum gewinnt.“ (Mit seinem Begriff „plenum“ verweist Schwartz auf das Bild der perfekten Mutter, mit dem sich die heranwachsende Frau noch immer voll identifiziert.) Das Resultat dieser entwicklungsgemäßen Entgleisung ist die militante Jungfrau, deren Konzept eines Mannes mit dem „Bild von Penetration oder Invasion“ korrespondieren wird. Falls diese Behauptung übertrieben scheint, so denke man nur an die beharrliche feministische Gleichsetzung des männlichen Blicks, immer pejorativ verwendet, mit Vergewaltigung.

Die gefangene weibliche Psyche betrachtet den Mann als „ein fremdes Wesen, das die Perfektion und Selbstgenügsamkeit des Mädchens korrumpieren und dominieren will.“ Die Reaktion des Mädchens „ist Ekel und die wütende Vertreibung [des Mannes].“ Laut Schwartz bringt dieser Reflex notwendigerweise die Vertreibung auch des Symbolischen mit sich, also der Korrelation zwischen Zeichen, Wörtern, Sprache auf der einen und der Realität auf der anderen Seite. Beweise zur Untermauerung dieser Analyse finden sich erneut empirisch, sie bestehen aus den vielen dokumentierten Fällen, wo Frauen Männer der sexuellen Nötigung bezichtigten, wo aber die forensischen Daten eine solche Nötigung nicht nachweisen konnten. In einer Umgebung aber, wo die Winkgeber darauf bestehen, dass jede Übereinstimmung von Wort und Tat störend ist – ein Fall von Phallozentrismus,  ein ekelhafter und unterdrückender sprachlicher Trick des Patriarchats –, da ist die Vorstellung einer Vergewaltigung gleichbedeutend mit der Erfahrung einer Vergewaltigung. Um die Plausibilität zu sehen, betrachte man nur den spezifischen Fall des Lacrosse-Teams der Duke University.

Diese Phase der Analyse bringt uns zu dem wirklichen Gegenstand von Schwartz´ Kapitel, dem enormen Apparat der „sexuellen Belästigung“, der den Arbeitsplatz zum Alptraum am Tag für Männer und zu einer Feuer-frei-Zone für verstimmte Frauen gemacht hat.

Schwartz´ kritisiert, dass die Bestimmungen zur sexuellen Belästigung chaotisch sind, aber doch eine Form von, sagen wir, arrangierter Desintegration, repräsentieren. Schwartz schreibt: „Hysterie kann durch geteilte Bilder organisiert werden. Sie repräsentiert geteilte Subjektivität eher als geteilte Objektivität, die eine Organisation basierend auf Symbolik repräsentiert.“ Schwartz´ Zerlegung der hysterischen Vorstellung erklärt eine ganze Menge. Sie erklärt zum Beispiel die bemerkenswerte Überlegenheit des lesbischen Standpunktes gegenüber dem Feminismus; sie erklärt mit dem Begriff „kooptionaler Hysterie“ die massenbildende Macht der Belästigungsklage; und sie erklärt die Feindseligkeit gegenüber den Verteidigern bei Fällen der sexuellen Belästigung. Da Hysterie nur für kurze Zeit eine Gruppe organisieren kann, kann sie natürlich keine Form von großangelegter produktiver Organisation aufrechterhalten. Die Hysterie gehört deshalb zur Kategorie der organisierten Selbstzerstörung.

Anm. der Übersetzers:

Der Disclaimer wird hier ausgelassen, wichtig erscheinen hier jedoch die Namen Nietzsche, Voegelin und Spengler, die der Autor in Verbindung mit Girard und Eric Gans als Grundlage seiner philosophischen Orientierung nennt. Da er zu Voegelin und Spengler ebenfalls hervorragende Essays geschrieben hat, überlegt der Übersetzer, auch diese hier in Deutsch zu präsentieren.

Advertisements